Gütersloh 1991: Was Hans Hilbk über die #Zukunft der #Stadt sagte – und heute erstaunlich vertraut klingt

#Gütersloh, 28. August 2026

Was macht Gütersloh aus? Hat die Stadt eine eigene #Identität? Wie geht sie mit #Zuwanderung um? Welche Rolle spielen #Kultur, #Bildung und #Freizeit? Und kann wirtschaftlicher Erfolg allein eine lebenswerte Stadt hervorbringen? Mit solchen Fragen beschäftigte sich Dr. Hans Hilbk, ehemaliger Schulleiter des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums (#ESG), bereits 1991. Vieles davon klingt 35 Jahre später bemerkenswert gegenwärtig.

Am 25. April 1991 hielt Dr. Hans Hilbk vor dem Verkehrsverein Gütersloh in der #Stadthalle ein #Kurzreferat. Der Verkehrsverein veröffentlichte den Vortrag wenige Monate später unter einer ebenso schlichten wie weitreichenden Überschrift: »Was spricht für Gütersloh, was noch nicht?« 

Hilbk näherte sich der Stadt bewusst aus einer Zwischenposition. Er bezeichnete sich weder als gebürtigen Gütersloher noch als wirklichen Fremden. Seit 1954 kannte er die Stadt, seit 1972 lebte er als Schulleiter in Gütersloh und seit 1987 verstand er sich nach eigener Darstellung als »Heimatforscher«. Gerade dieser Blick von innen und außen bildete die Grundlage seiner Betrachtung.

Dabei ging es ihm ausdrücklich nicht um eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme. Hilbk wollte Beobachtungen zusammentragen, Zusammenhänge herstellen und zum Nachdenken anregen. Seine Leitfragen waren im Kern erstaunlich modern: Wie wirkt Gütersloh auf jemanden von außen? Warum leben Menschen gerne hier? Wo liegen Defizite? Und was müsste geschehen, damit die Stadt auch künftig lebenswert bleibt?

Eine erfolgreiche Stadt

Zunächst fällt seine Bilanz ausgesprochen positiv aus. Hilbk beschreibt Gütersloh als politisch vergleichsweise ausgeglichene Stadt. Die großen Parteien seien nicht so dominant, dass eine Seite dauerhaft allein bestimmen könne. Auch das Verhältnis zwischen den Konfessionen erscheint ihm bemerkenswert ausgewogen.

Vor allem aber erkennt er bereits 1991 die außergewöhnliche wirtschaftliche Position Güterslohs.

Die Arbeitslosigkeit sei kaum spürbar, der Wohlstand hoch. Die Stadtkasse verfüge über erhebliche Gewerbesteuereinnahmen. Dahinter stehe eine starke, steuerzahlende Industrie, ergänzt durch Handel und Verkehr.

Besonders hebt Hilbk die international tätigen Gütersloher Unternehmen hervor. Sie verfügten über moderne Produktionsstrategien und Marketingstrategien, seien innovationsorientiert und investierten in die Ausbildung ihrer Beschäftigten.

Und noch etwas fällt ihm auf: Unternehmen engagieren sich für die Stadt. Als Beispiele nennt er die #Stadtbibliothek und #Mediothek des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums sowie die #Ferienspiele der Miele Stiftung.

#Wirtschaftskraft erscheint bei Hilbk also nicht nur als statistische Größe. Sie prägt die Stadt und ermöglicht Dinge, die anderswo schwieriger zu finanzieren wären.

Die Vorteile der #Mittelstadt

Auch die Größe Güterslohs betrachtet Hilbk als Vorteil.

Die Stadt sei weder zu groß noch zu klein. Sie bleibe überschaubar und übersichtlich, verfüge gleichzeitig aber über gute Verkehrsverbindungen. Bertelsmann und Miele hätten erheblich zur überregionalen Erschließung beigetragen; Autobahn und Eisenbahn stellten die Verbindung zu größeren Verkehrsräumen her.

Doch an dieser Stelle beginnt Hilbks #Kritik.

Denn der wirtschaftlich erfolgreichen Stadt fehlt seiner Ansicht nach etwas, das sich nicht einfach produzieren oder kaufen lässt: gewachsene Urbanität.

Er beschreibt Gütersloh als eine Stadt mit vergleichsweise wenig historischer Bausubstanz und wenig ausgeprägter Tradition. Das könne man bedauern – oder als Herausforderung verstehen. Gerade weil nicht alles bereits durch Geschichte festgelegt sei, müsse Gütersloh seine Identität selbst entwickeln.

Das schnelle Wachstum spielt dabei eine entscheidende Rolle. 1939 lebten etwa 30.000 Menschen in Gütersloh, Anfang der 1990er Jahre waren es rund 90.000. Innerhalb eines halben Jahrhunderts hatte sich die Einwohnerzahl damit ungefähr verdreifacht.

Eine Stadt kann aber schneller wachsen als ihr Selbstverständnis.

»Noch keine Identität«

Genau hier setzt eine der bemerkenswertesten Passagen des Vortrags an. Hilbk stellt sie unter die Überschrift »Noch keine Identität«. 

Gütersloh sei keine homogene Stadt. Eingemeindungen hätten unterschiedliche Ortsteile zusammengeführt, #Flüchtlinge und #Vertriebene seien nach dem Zweiten Weltkrieg hinzugekommen, später #Arbeitskräfte aus anderen Ländern. Außerdem habe die Erhebung zur Kreisstadt 1973 noch keine vollständig ausgeprägte Identität entstehen lassen.

Hilbk beschreibt damit ein Gütersloh, das sich permanent verändert.

Die Eingemeindung von #Kattenstroth, die Einbindung von #Isselhorst und #Avenwedde, Menschen aus den ehemaligen deutschen #Ostgebieten, #Zugezogene aus anderen deutschen Regionen und schließlich Menschen aus zahlreichen anderen Ländern: Das Stadtbild ist für ihn das Ergebnis vieler unterschiedlicher Geschichten.

Anfang der 1990er Jahre, so seine damalige Bestandsaufnahme, lebten bereits mehrere Tausend Menschen aus der Türkei in Gütersloh, daneben unter anderem Griechen, Jugoslawen, Spanier, Italiener, Portugiesen, Polen und Niederländer sowie Menschen aus Afrika und Asien.

#Hilbk fragt deshalb nicht nur, wie diese Menschen in Gütersloh leben. Er stellt die grundsätzlichere Frage, ob die Stadtgesellschaft sich überhaupt ausreichend mit ihrem Anspruch auf gesellschaftliche Mitwirkung beschäftigt habe.

Zusammenleben als städtische Aufgabe

Unter der für heutige Ohren auffälligen Überschrift »Angst vor Überfremdung?« beschäftigt sich Hilbk anschließend mit dem Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Seine Wortwahl trägt an manchen Stellen deutlich die Handschrift ihrer Zeit. Seine eigentliche Fragestellung ist jedoch weiterhin aktuell: Wie entsteht aus dem Nebeneinander unterschiedlicher Gruppen ein gesellschaftliches Miteinander?

Hilbk unterscheidet dabei zwischen oberflächlicher Begegnung und dauerhaftem Zusammenleben. Es sei etwas anderes, Fremdheit im Urlaub interessant zu finden, als täglich miteinander zu arbeiten, zu wohnen und zu leben.

Vorurteile ließen sich nicht durch Ignorieren beseitigen. Menschen müssten miteinander umgehen, aufeinander Rücksicht nehmen und lernen, einander zu verstehen. Sprachbarrieren könnten überwunden werden, unterschiedliche Glaubensformen und Lebensformen verlangten jedoch gegenseitige Toleranz.

Dabei sieht Hilbk #Integration keineswegs ausschließlich als Aufgabe der Zugewanderten. Auch die bereits ansässige Bevölkerung müsse bereit sein, sich mit Veränderungen auseinanderzusetzen.

Hinzu kommt für ihn eine weitere Veränderung: Seit der kommunalen Neuordnung ist Gütersloh Kreisstadt. Damit erhält die Stadt eine Funktion für ein wesentlich größeres Gebiet und muss lernen, diese Rolle wahrzunehmen.

Wirtschaftsstark – aber ist das schon Stadt?

An dieser Stelle zieht Hilbk eine Zwischenbilanz, die vielleicht den Kern seines gesamten Vortrags bildet.

Gütersloh sei bei Einwohnerzahl, Wirtschafts und Finanzkraft mit Abstand die stärkste Stadt des Kreises. Dennoch gebe es bei der Entwicklung einer wirklichen Stadtkultur noch einiges zu tun. Die Stadt müsse urbaner werden und eine Lebensform entwickeln, die auch auf Menschen außerhalb Güterslohs ausstrahle.

Damit stellt Hilbk indirekt eine bis heute interessante Frage:

Reicht wirtschaftlicher Erfolg aus, um eine Stadt attraktiv zu machen?

Seine Antwort lautet eindeutig: nein.

Eine Stadt besteht nicht nur aus Arbeitsplätzen, Unternehmen, Steuereinnahmen und Infrastruktur. Entscheidend ist ebenso, wie Menschen ihre freie Zeit verbringen, welche Bildungsangebote sie finden, welche kulturellen Möglichkeiten bestehen und wie gesellschaftliches Zusammenleben organisiert wird.

#Arbeit verändert sich

Hilbk betrachtet deshalb ausführlich das Verhältnis von Arbeit und #Freizeit.

Schon 1991 beobachtet er, dass die Lebensarbeitszeit sinkt. Menschen beginnen später zu arbeiten, hören früher auf und verfügen über kürzere Arbeitszeiten. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen der Arbeitswelt.

Körperliche Arbeit verliert relativ an Bedeutung, während geistige Fähigkeiten wichtiger werden. Tätigkeiten werden komplexer, spezialisierter und differenzierter. Arbeit soll nicht mehr ausschließlich Broterwerb sein, sondern möglichst auch persönliche Entwicklung ermöglichen.

Daraus leitet Hilbk weitreichende Konsequenzen ab.

Wenn Arbeit anspruchsvoller wird und Menschen gleichzeitig mehr freie Zeit besitzen, gewinnen Bildung und Kultur zwangsläufig an Bedeutung.

#Bildung wird zur Daueraufgabe

Die Arbeitswelt der Zukunft verlangt nach Hilbks Vorstellung bessere Ausbildung, permanente Weiterbildung, größere Flexibilität, mehr Überblick und mehr Eigenverantwortung.

Bildung endet deshalb nicht mehr mit Schule oder Ausbildung.

Menschen müssen lebenslang lernen, Informationen beurteilen und Entscheidungen treffen können. Die klassische Vorstellung eines einmal erlernten Berufs, der anschließend jahrzehntelang nahezu unverändert ausgeübt wird, beginnt sich aufzulösen.

Damit verändert sich zugleich die Freizeit.

Sie ist für Hilbk nicht bloß die arbeitsfreie Restzeit, in der man sich von der Beschäftigung erholt. Sie eröffnet Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung, zu gesellschaftlichem Engagement und zur kulturellen Betätigung.

Und genau an diesem Punkt bekommt sein Kulturbegriff eine ungewöhnliche Weite.

#Kultur ist mehr als #Theater, #Konzert und #Museum

Hilbk versteht Kultur ausdrücklich nicht als Beschäftigung einer kleinen gebildeten Elite.

Kultur soll vielmehr Menschen ermöglichen, ihre Umwelt zu verstehen und selbst mitzugestalten. Sie betrifft Bildung und Arbeit ebenso wie Wohnen, Freizeit, Familie, Nachbarschaft, gesellschaftliche Beziehungen und religiöse oder soziale Verhaltensweisen.

Die entsprechende Überschrift seines Manuskripts lautet folgerichtig:

»Kultur wird zur Lebensform«. 

Damit verlässt Hilbk endgültig den engen Kulturbegriff.

Kultur ist für ihn Teil einer multikulturellen Gesellschaft, des Zusammenlebens der Generationen und des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern. Sie ist Bestandteil gesellschaftlicher Auseinandersetzung und damit letztlich Stadtentwicklung.

Eine Stadt kann demnach wirtschaftlich hervorragend funktionieren und kulturell trotzdem Entwicklungsbedarf haben.

Gütersloh hatte schon einiges

Dabei unterschlägt Hilbk keineswegs, was Anfang der 1990er Jahre bereits vorhanden war.

Er nennt ein differenziertes Netz allgemein und berufsbildender Schulen und Weiterbildungseinrichtungen, das Stadtarchiv, das Stadtmuseum und die Stadthalle. Er verweist auf gastronomische Angebote, das soziokulturelle Zentrum »Alte Weberei«, Kulturvereine der Griechen, Türken und Spanier, die leistungsfähige Volkshochschule, die Familienbildungsstätte sowie Vereine und Kirchen.

Besonders hebt er die Stadtbibliothek hervor.

Außerdem nennt Hilbk die sogenannten »Kultur von unten« Aktivitäten, die Foren und Symposien des Hauses Bertelsmann, die Workshopreihen »Akademien« im Haus Werther, Karl Heinz Stockhausen und György Ligeti.

Das Bild ist also keineswegs das einer kulturellen Wüste.

Hilbks Argument ist subtiler: Gütersloh besitzt bereits zahlreiche einzelne Bausteine. Die entscheidende Aufgabe besteht darin, daraus eine wirkliche #Stadtkultur entstehen zu lassen.

Und 1991 war bereits vom neuen Theater die Rede

Besonders interessant aus heutiger Perspektive ist ein beiläufig wirkender Satz.

Hilbk schreibt 1991: »Wir planen ein neues Theater«. 

Damit erscheint ein Thema, das die Gütersloher Kommunalpolitik noch viele Jahre beschäftigen sollte, bereits ganz selbstverständlich in einem Vortrag über die Zukunft der Stadt.

Für Hilbk steht das Theater allerdings nicht isoliert. Es gehört zu einer größeren Frage: Wie kann eine wirtschaftlich außerordentlich erfolgreiche Stadt ihre ökonomische Stärke mit kultureller Kraft verbinden?

Denn genau diese Verbindung betrachtet er als Standortfaktor.

Gütersloh müsse auch künftig hervorragend ausgebildete Fachkräfte gewinnen können. Eine Stadt, die Menschen lediglich Arbeitsplätze bietet, aber kein entsprechendes kulturelles und gesellschaftliches Umfeld, werde dabei langfristig Schwierigkeiten bekommen.

Kulturpolitik wird bei Hilbk damit zugleich #Wirtschaftspolitik.

Eine Frage, die 35 Jahre später noch funktioniert

Am Ende seines Vortrags kehrt Hilbk zur Struktur Güterslohs zurück.

Ist Gütersloh überhaupt eine klassisch auf ein Zentrum ausgerichtete Stadt? Oder sollte man die Stadt vielmehr als ein Gefüge aus Kernstadt und unterschiedlichen Ortsteilen verstehen, die jeweils eigene Funktionen und Identitäten besitzen?

Auch diese Frage wirkt erstaunlich wenig historisch.

Hilbk denkt Stadt nicht als fertiges Gebilde, sondern als Prozess. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, Ortsteile, Interessen und Lebensformen müssen nicht zwangsläufig vereinheitlicht werden. Entscheidend ist vielmehr, aus dieser Vielfalt eine gemeinsame Stadtgesellschaft entstehen zu lassen.

Auf der letzten Seite des 1991 erschienenen Heftes verdichtet er diesen Gedanken noch einmal. Die moderne Stadtgesellschaft brauche unterschiedliche Angebote, Begegnungsorte und Möglichkeiten der Beteiligung. Entscheidend sei letztlich die Verbindung von Selbstbewusstsein mit Toleranz, Mobilität und Pluralität. Daraus könnten Urbanität, Freiheit, Gestaltungskraft, Solidarität, Mitverantwortung und Heimat entstehen. 

Was spricht heute für Gütersloh – und was noch nicht?

Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses mehr als 3 Jahrzehnte alten Textes.

Natürlich ist manches eindeutig 1991. Bevölkerungszahlen haben sich verändert, politische und gesellschaftliche Begriffe ebenfalls. Einige Institutionen existieren nicht mehr, andere sind hinzugekommen. Das damals lediglich geplante Theater steht längst.

Die grundlegenden Fragen aber sind verblüffend langlebig.

Hat Gütersloh eine erkennbare städtische Identität? Wie verbindet man Kernstadt und Ortsteile? Wie entsteht aus wirtschaftlicher Stärke Urbanität? Welche Rolle spielt Kultur für die Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts? Wo begegnen sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen? Wie viel gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht die Stadt? Und reicht eine Ansammlung guter Einzelangebote aus, um daraus Stadtkultur entstehen zu lassen?

Hans Hilbk wollte 1991 nach eigener Darstellung keine endgültigen Antworten geben. Er wollte einen Rundumblick versuchen und Anstöße zum Weiterdenken liefern.

Vielleicht funktioniert sein Text gerade deshalb noch heute.

35 Jahre später könnte man die Überschrift unverändert über eine Diskussion über Gütersloh setzen: Was spricht für Gütersloh – und was noch nicht?

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