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»Wie kommt der Hocker eines Stammesführers aus Kamerun in Afrika ins Lippische Landesmuseum?«

Das Lippische Landesmuseum Detmold beginnt neue Forschungen zu den Provenienzen seiner völkerkundlichen Sammlungen

Lesedauer 3 Minuten, 17 Sekunden, Artikel zuletzt bearbeitet am 30. September 2021
»Wie kommt der Hocker eines Stammesführers aus Kamerun in Afrika ins Lippische Landesmuseum?«
Provenienzforschung im Lippischen Landesmuseum startet. Jörg Düning-Gast, Verbandsvorsteher des Landesverbandes Lippe; Dr. Amir Theilhaber, Projektleiter; Dr. Michael Zelle, Direktor des Lippischen Landesmuseums Detmold). Foto: Lippisches Landesmuseum Detmold

Ethnologische Objekte gehören zu den ältesten und bedeutendsten #Exponat-Beständen des #Lippischen #Landesmuseums. Internationale Kontakte ermöglichten den Erwerb von kulturhistorischen Gütern von fast allen #Kontinenten. Größere Sammlungskonvolute aus Übersee gelangten Ende des 19. und im frühen 20. Jahrhundert als Schenkungen von Personen ins »#LLM«, die eine persönliche, zumeist familiäre Verbindung zu #Detmold und #Lippe hatten.

Doch welche Geschichten stecken genau hinter diesen Schenkungen?

Im Zuge der Debatten um die völkerkundlichen Sammlungen in europäischen Museen will das Lippische Landesmuseum einen Beitrag zur Provenienzforschung leisten und beginnt im Sommer 2021 seine Bestände neu zu erforschen.  Auf diese Weise sollen die beeindruckenden Objekte einer breiteren Öffentlichkeit sowie der Wissenschaft zugänglich gemacht  und mit ihren Herkunftsorten wieder  verbunden werden. Das Projekt wird in Kooperation mit den Abteilungen Zeitgeschichte (Prof. Dr. Christina Morina) und Globalgeschichte (Prof. Dr. Angelika Epple) der Universität Bielefeld durchgeführt. Möglich gemacht wird dieses Projekt durch die großzügige finanzielle Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste.

Ziele des Projektes sind die grundlegende wissenschaftliche Bearbeitung der ethnologischen Bestände. Dies betrifft sowohl die ursprüngliche Funktionsbestimmung der #Objekte und deren Einordnung in den indigenen Kontext ebenso wie die Erwerbungsgeschichte im gegebenenfalls kolonialen Kontext. Darüber hinaus soll erarbeitet werden welche Bedeutungen diese Artefakte für den Imperialismus im Zeitalter der Integration der Welt hatten und wie sich diese Bedeutungen im Zuge der Nationalbewegungen und der politischen Zersplitterung des 20. Jahrhunderts veränderten. Leitende Frage ist dabei, ob Sammlungen fern der »glitzernden Großstädte« (Glenn Penny) wie #Berlin, #Hamburg, #Paris oder #London alternative Geschichten über die Verknüpfungen der Welt erzählen können.

Wie von der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy festgestellt, war das Sammeln eine patriotische Tätigkeit – egal ob man Deutscher, Franzose oder Brite war. Auch die in die Welt gegangenen Lipper fühlten sich immer wieder verpflichtet Ihre Sammlungstätigkeit in den Dienst des heimischen Detmolder Museums und dessen bildender Funktion zu stellen.

So trugen die umfangreichen Sammlungen gleichermaßen dazu bei der lippisch-ostwestfälischen Bevölkerung die Welt näherzubringen und durch die Arten der Sammlungsakquise und der Ausstellungspraxis für den lokalen Rahmen aufzubereiten. Es entstand eine »glokale« lippische Welt.

Die kulturelle Vielfalt der Sammlungen wird gespiegelt in der Unterschiedlichkeit der Umstände, unter denen die Objekte zwischen Mitte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Besitz lippischer Sammler gelangten und dann dem Lippischen Landesmuseum übergeben wurden. Meist aus persönlichem Antrieb und oft unter Mitwirkung ihrer Frauen trugen lippische Geschäftsmänner, Kolonialbeamte, Diplomaten, und Missionare innerhalb und außerhalb des deutschen Kolonialreichs und unter sehr unterschiedlichen Machtverhältnissen ihre Sammlungen zusammen.

Im ersten Schritt untersucht das Lippische Landesmuseum mit finanzieller Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg rund 300 Objekte aus #Westafrika und #Ostafrika, wovon der größte Teil zur Zeit der deutschen Kolonialherrschaft in #Kamerun und im #Äthiopien von Menelik dem Zweiten zusammengetragen wurde. Dabei handelt es sich um die miteinander verschränkten Sammlungskonvolute von August Kirchhof sowie von Eugen und Alfred Zintgraff. Die Sammlung Kirchhof besteht aus circa 200 Objekten, die Kirchhof zwischen 1903 und 1914 im damaligen deutschen Kamerun sammelte. Die Sammlung Zintgraff besteht aus circa 100 Objekten, die der für seine Brutalität bekannte Kolonialist Eugen Zintgraff in Kamerun und Ostafrika und sein Bruder Alfred im äthiopischen Reich sammelten. Die Sammlungen sind in mehreren Schüben zwischen 1907 und 1947 im Lippischen Landesmuseum eingegangen.

Der Direktor des Lippischen Landesmuseums, Dr. Michael Zelle, versteht das Projekt auch als Auftakt der Vorbereitungen einer für das 21. Jahrhundert passenden Neugestaltung der Dauerausstellung des Landesmuseums, in der Regionales mit Globalem in Verbindung kommt. Jörg Düning-Gast, Verbandsvorsteher des Landesverbandes Lippe, freut sich, dass die Sammlungen des Museums weiter erforscht werden und so in einen zeitgemäßen Kontext gebracht werden. Das Projekt wird durchgeführt von Dr. Amir Theilhaber und wird ab Oktober von einer weiteren Mitarbeiterin unterstützt. Theilhaber studierte Internationale Beziehungen in Brüssel und Islamwissenschaften in Jerusalem. Nachdem er in Kairo eine Flüchtlingsberatung managte, hat er in Berlin zum deutschen Außenminister und Orientalisten Friedrich Rosen promoviert.

Die Bestände sollen in Kooperation mit Partnern aus den Herkunftsgesellschaften ethnohistorisch erschlossen und Mitglieder der Diaspora-Communities in Deutschland mit einbezogen werden. Weiterhin vernetzt sich das Lippische Landesmuseum derzeit mit zahlreichen Museen, Universitäten und weiteren Institutionen, die ähnliche Forschungsprojekte durchführen.

Fielmann

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