Zum »Internationalen Tag der Meeresschutzgebiete«: Deutschland hat nichts zu feiern
- Am 1. August ist der »Internationale Tag der Meeresschutzgebiete« (»MPA Day«). Der 2021 in Südafrika gestartete jährliche »MPA Day« will die Öffentlichkeit auf die Bedeutung von #Meeresschutzgebieten (Marine Protected Areas) aufmerksam machen.
#Neuss, 30. Juli 2026
#Meeresschutzgebiete sind entscheidend für den Erhalt der #Artenvielfalt (#Biodiversität) in den Ozeanen, für die Regeneration erschöpfter #Fischbestände, für die Dämpfung der Folgen der #Klimakrise und zur Sicherung der Nahrungsversorgung von Milliarden Menschen besonders im Globalen Süden.
Laut aktuellen Daten des »Marine Protection Atlas« sind weltweit rund 9,8 Prozent aller marinen #Lebensräume als Meeresschutzgebiete ausgewiesen. Jedoch sind davon lediglich 3,5 Prozent vollständig geschützt (fully protected) oder stark geschützt (highly protected).
In deutschen Meeresschutzgebieten dürfen nach wie vor #Grundschleppnetze eingesetzt werden
»Deutschland hat anlässlich des ›MPA Day‹ keinen Grund zum Feiern«, erklärt der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz. »Im Gegenteil. Es ist unfassbar, dass ausgerechnet im #Nationalpark und #UNESCO #Weltnaturerbe #Wattenmeer #Krabbenfischer nach wie vor mit Grundschleppnetzen fischen dürfen. Und nicht nur dort.«
Aktuell finden Verhandlungen um eine von der EU geforderte Ausweitung von fischereifreien Zonen im niedersächsischen Küstenmeer statt. Derzeit sind lediglich rund 3 Prozent der Gesamtfläche des niedersächsischen Teils des Nationalparks Wattenmeer komplett nutzungsfrei und fischereifrei. Die EU Biodiversitätsstrategie verlangt dort jedoch einen Anteil von 10 Prozent an streng geschützten, fischereifreien Gebieten.
»Auch 10 Prozent sind noch zu wenig für ein wirksames Meeresschutzgebiet. Auf mindestens 50 Prozent der Fläche sollte es keinerlei Fischerei geben. Im übrigen Teil sollten nur nachhaltige Nutzungen erlaubt sein, wie Pole and Line Fischerei (#Handangeln)«, fordert Karlowski.
Deutsche Meeresschutzgebiete schützen nichts
In deutschen Meeresschutzgebieten in den Küstenmeeren (12 Meilen Zone), die in die Zuständigkeit der Bundesländer fallen, oder in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (#AWZ, 200 Seemeilen Zone), für die der Bund zuständig ist, gibt es kaum nutzungsfreie Zonen.
Eine 2024 veröffentlichte Auswertung von Fischereidaten (#Satelliten #Tracking Daten von #Fischerbooten von »Global Fishing Watch«) zeigte, dass 5 deutsche Meeresschutzgebiete in der #AWZ und im #Küstenmeer zu den Top 10 der am stärksten in EU Gewässern mit Grundschleppnetzen befischten Gebiete zählen. Auf Platz 1 lag dabei ausgerechnet der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer mit über 730.000 Stunden.
Doch auch andere Nutzungen sind gang und gäbe in deutschen Meeresschutzgebieten …
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#Sandabbau und #Kiesabbau
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Weitgehend unregulierter #Schiffsverkehr und #Bootsverkehr
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Bau von #Offshore #Windkraftanlagen in unmittelbarer Nähe zu MPAs
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Bau fossiler #Infrastruktur wie die neuen #Erdgasbohrungen vor #Borkum
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#Unterseekabel wie #Offshore #Windenergie #Netzanbindungskabel oder #Datenkabel mit entsprechenden Kabelanlandestationen
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Betrieb der #Ölförderplattform »#Mittelplate« in der Kernzone 1 des Nationalparks Wattenmeer (strengster Schutzstatus) inklusive einer zum Festland reichenden #Pipeline
Meeresschutzgebiete neu denken
Die Deutsche Stiftung Meeresschutz unterstützt die Einrichtung von wirksamen Meeresschutzgebieten (MPAs) oder spezieller Schutzzonen wie #IMMA (Important Marine Mammal Area). Vorrangig allerdings setzt man dabei auf Bottom up Initiativen, die sich als #LMMA (Locally Managed Marine Area) oder in lokalen Schutzkonzepten für ISRAs (Important Shark and Ray Areas) manifestieren.
»Der gemeinsame Nenner dieser Bottom up Meeresschutzinitiativen ist, dass lokale Küstengemeinden unmittelbar in alle Maßnahmen eingebunden sind und daran teilhaben. Zudem werden für die Menschen nachhaltige Nutzungszonen in Kombination mit Schutzzonen etabliert«, erklärt Ulrich Karlowski. »Im Idealfall kommt die Initiative für die Einrichtung einer LMMA von Nutzergruppen wie Fischern. Diese wissen den mit der Einrichtung von Schutzgebieten verbundenen Spill over Effekt zu schätzen, der ihnen bereits nach wenigen Jahren höhere Fangerträge beschert.«
Leider funktioniert Meeresschutz in Deutschland ausschließlich nach dem Top down Prinzip. »Wenn die Bevölkerung nicht von Anfang an gleichberechtigt in die Planungen eingebunden ist und zu wenig oder keine Teilhabe hat, sind Konflikte vorprogrammiert. Wie bei der gescheiterten Einrichtung des Ostsee Nationalparks in Schleswig Holstein«, verdeutlicht Karlowski.
Hintergrundinformationen
Was ist der Spill over Effekt von Meeresschutzgebieten?
In streng geschützten Meeresschutzgebieten mit sogenannten No Take Zonen, also ohne Fischerei (fully protected), erholen sich die degradierten Bestände in der Regel innerhalb weniger Jahre. Gleichzeitig verbessert sich die Resilienz der Bestände. Es gibt wesentlich mehr und größere Exemplare. Mit der Zeit wandern ausgewachsene Tiere und Jungtiere über die Grenzen der No take Zone hinaus in die befischten Randzonen. #Fischer profitieren so vom Spill over aus dem Schutzgebiet. Sie fangen mehr und oft auch wieder größere #Fische und können so ihren Fangertrag steigern.
Was ist Grundschleppnetzfischerei?
Die Fischerei mit bodenberührenden Netzen (Grundschleppnetzfischerei) ist die zerstörerischste legale Fischereimethode. Ihre negativen Auswirkungen für die #Biodiversität und ihre #Klimafolgeschäden sind ähnlich wie die der weltweit geächteten und verbotenen #Dynamitfischerei oder #Sprengstofffischerei: Extrem hohe Beifangraten von bis zu 90 Prozent (allein in der EU von 2015 bis 2019 etwa 1 Million Tonnen toter Meerestiere), #Zerstörung des Meeresbodens und empfindlicher Tiefseelebensräume wie Seeberge und Kaltwasserkorallen, Vernichtung potenter natürlicher #CO2 Speicherökosysteme wie #Seegraswiesen, Freisetzung großer Mengen von in Sedimenten gespeichertem CO2, hoher #Kraftstoffverbrauch und damit verbundene schädliche Emissionen (#Kohlendioxid, #Methan, #Lachgas, #Schwefeloxide, #Stickoxide, #Ruß) beim Ziehen künstlich beschwerter Netze über den Meeresboden, #Plastikmüll – Einträge von tonnenweise verlorenen Dolly Ropes (rote oder blaue #Scheuerfäden aus #Polyethylen).
Mit Grundschleppnetzen gefischte #Meeresfrüchte und Fische weisen einen der höchsten CO2 Fußabdrücke aller Proteinquellen auf. Studien zeigen, dass global etwa 23 Prozent des Fischereiaufwands mit bodenberührenden Netzen ausgerechnet in Meeresschutzgebieten stattfindet. In einigen Ländern wie #Deutschland, den #Niederlanden und #Spanien erreicht der Fischereiaufwand mit Grundschleppnetzen in Meeresschutzgebieten sogar über 25 Prozent.
Was ist eine Locally Managed Marine Area (LMMA)?
Eine Locally Managed Marine Area (LMMA) ist ein Küsten oder Meeresgebiet, das hauptsächlich von den lokalen Gemeinschaften, Landbesitzern, Partnerorganisationen und/oder kooperierenden Regierungsvertretern verwaltet wird. Diese Gebiete fördern nachhaltige Ressourcennutzung und den Schutz der marinen Umwelt durch lokale Beteiligung und traditionelle Praktiken.
Was ist eine Important Marine Mammal Area (IMMA)?
Important Marine Mammal Areas (»wichtige Lebensräume für Meeressäuger«) sind durch wissenschaftliche Daten abgesicherte, räumlich definierte Lebensräume von Meeressäugetieren (Wale, Delfine, Robben, Seekühe und Eisbären). IMMA Gebiete haben entscheidende Ökosystemfunktionen für das Überleben der #Meeressäuger.
IMMAs werden durch Expertenprozesse auf der Grundlage wissenschaftlicher Kriterien, unabhängig von politisch ökonomischen Interessen festgelegt. Ihr Zweck ist es, durch Schutzmaßnahmen oder Überwachung den Erhaltungszustand der in dem Gebiet lebenden Arten sicherzustellen und zu verbessern.
Etwa 76 Prozent der bislang anerkannten IMMAs wurden aufgrund ihrer Bedeutung für gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Arten identifiziert.
Deutsche Stiftung Meeresschutz (#DSM)
Die Deutsche Stiftung Meeresschutz (DSM) ist eine Treuhandstiftung, die 2007 gegründet wurde. Ziel unserer Arbeit ist es, der Ausbeutung der Weltmeere und der Vernichtung ihrer Bewohner etwas entgegenzusetzen. In Kooperation mit engagierten Forschern und Organisationen rund um den Globus fördern und verwirklichen wir Projekte und Aktionen zum Erhalt des Lebens in den Meeren. Ermöglicht wird dies durch Spenden.
Wir sind Mitglied im europäischen Meeresschutzbündnis »Seas At Risk 🔗« (#SAR), in der »Deep Sea Conservation Coalition 🔗« (DSCC) und sind Netzwerkpartner der UN Dekade der Meeresforschung für nachhaltige Entwicklung (2021 bis 2030) in Deutschland (Ozeandekade 🔗). Mehr 🔗 …
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