#Sevasmós, die respektloseste Stadt der Welt – ein Bericht
#Gütersloh, 6. April 2026
Als mir die ehrenvolle Aufgabe zuteilwurde, die Stadt Sevasmós zu bereisen und ihre vielfach gerühmte Gesellschaftsordnung zu untersuchen, war ich zunächst geneigt, die mir vorliegenden Berichte für Übertreibungen zu halten. Man sprach von einer Stadt, die sich von allen Fesseln der Höflichkeit befreit habe und in der der Mensch endlich »wahrhaft er selbst« sei.
Ich gestehe, ich erwartete #Aufrichtigkeit. Ich fand etwas anderes.
Bereits bei meiner Ankunft wurde ich von einem #Beamten empfangen, der mich mit den Worten begrüßte: »Du siehst müde und unerquicklich aus, wie ein schlecht gefaltetes Schreiben.«
Da ich dies zunächst für einen unglücklichen Scherz hielt, verneigte ich mich und dankte ihm höflich für den Empfang. Dies erwies sich als mein erster Fehler. Zwei weitere Beamte wurden herbeigerufen, und man erklärte mir, dass mein Verhalten gegen die städtischen Sitten verstoße. Höflichkeit, so belehrte man mich, sei nichts anderes als eine Form der Täuschung und daher zutiefst unsittlich. Ich wurde verwarnt.
Im weiteren Verlauf meines Aufenthalts lernte ich, dass in Sevasmós jede Form der Rücksichtnahme als Beleidigung gilt. Wer jemandem die Tür aufhält, unterstellt ihm #Schwäche. Wer zuhört, signalisiert mangelndes Selbstbewusstsein. Wer hilft, erhebt sich über den anderen.
Die #Bürger vermeiden daher jede dieser #Kränkungen mit bewundernswerter #Konsequenz.
In den #Straßen beobachtete ich Eltern, die von ihren Kindern beschimpft wurden, worauf sie mit sichtlichem Stolz reagierten. Ein Mann erklärte mir, sein Sohn habe ihn kürzlich öffentlich als »nutzlosen Restposten der Natur« bezeichnet, was er als Zeichen ausgezeichneter Erziehung wertete.
Die Schulen dieser Stadt widmen sich, wie ich erfuhr, vornehmlich der Ausbildung sprachlicher Schärfe. Die Schüler lernen, wie man Beleidigungen so präzise formuliert, dass sie nicht nur verletzen, sondern auch geistreich erscheinen. Es existieren Wettbewerbe, bei denen die gelungenste Herabsetzung prämiert wird.
Ich hatte Gelegenheit, einer solchen Veranstaltung beizuwohnen. Ein junger Redner beschrieb seinen Gegner als »einen Gedanken, der sich verirrt und beschlossen hat, Körper anzunehmen«. Der Applaus war langanhaltend.
Die politische Ordnung Sevasmós’ ist ebenso bemerkenswert. Wahlen werden nicht anhand von Programmen entschieden, sondern nach der Fähigkeit der #Kandidaten, ihre Gegner öffentlich zu #demütigen. Ein angesehener #Ratsherr erklärte mir, sachliche Argumente seien unerquicklich, da sie die Zuhörer zum Nachdenken verleiteten, während Beleidigungen unmittelbar wirkten und daher effizienter seien.
Die Gerichte schließlich verfolgen ein Prinzip, das mir zunächst unverständlich erschien: Sie bestrafen nicht das Unrecht, sondern die Rücksichtnahme. Ein Angeklagter, der gestand, aus Mitgefühl gehandelt zu haben, wurde zu einer empfindlichen Strafe verurteilt, da er sich über die natürliche Gleichgültigkeit erhoben habe. Ein anderer hingegen, der offen zugab, aus reinem Eigennutz gehandelt zu haben, wurde freigesprochen und für seine »ehrliche Selbstoffenbarung« gelobt.
Mit der Zeit begann ich, mich den #Gepflogenheiten anzupassen. Ich erkannte, dass meine anfängliche Zurückhaltung mir nur Nachteile brachte. Also antwortete ich auf #Beleidigungen mit eigenen, zunächst zaghaften, dann zunehmend gewandten Erwiderungen.
Es ist mir nicht angenehm, dies zu berichten, doch ich stellte fest, dass mir diese Praxis bald weniger Mühe bereitete, als ich erwartet hatte. Ja, ich empfand gelegentlich sogar eine gewisse Genugtuung darin, andere mit treffenden Worten zu verletzen.
Diese Entwicklung blieb nicht unbemerkt. Gegen Ende meines Aufenthalts wurde ich zu einer Versammlung geladen, bei der mir eine Auszeichnung verliehen wurde. Man ehrte mich als »ehrlichsten Fremden seit Menschengedenken«, da ich, wie es hieß, »jede unnötige Rücksicht abgelegt« habe.
Ich nahm die Auszeichnung entgegen und dankte – auf die einzig zulässige Weise – mit einer sorgfältig formulierten #Herabsetzung des #Komitees, das sie mir verlieh.
Dennoch kann ich nicht verschweigen, dass mich ein gewisser Eindruck nicht verließ. Hinter der allgegenwärtigen Offenheit schien mir eine tiefe Einsamkeit zu liegen. Gespräche endeten selten in Verständnis, stets in einem Sieg oder einer Niederlage. Niemand vertraute dem anderen, da jedes Wort eine Waffe war.
#Freundschaft, so erklärte man mir, bestehe darin, die Angriffe des anderen zu ertragen, ohne die Beziehung abzubrechen. Ich beobachtete jedoch, dass viele dieser Beziehungen von bemerkenswerter Kürze waren.
Ich kehrte schließlich in meine Heimat zurück, ausgestattet mit reichen Erkenntnissen. In meinem offiziellen Bericht empfehle ich, die Einrichtungen von Sevasmós eingehend zu studieren. Insbesondere halte ich ihre Auffassung von Ehrlichkeit für bemerkenswert und in mancher Hinsicht vorbildlich.
Sollte es uns gelingen, auch nur einen Teil ihrer Prinzipien zu übernehmen, so bin ich überzeugt, dass wir in kurzer Zeit ähnliche Fortschritte erzielen könnten – wenngleich ich mir nicht sicher bin, in welche Richtung.
#NOW #KWS #ROSA #OWL #GT #GGC #GOGREENCHALLENGE





























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