#KWS #Lectures: Warum #Innenstädte scheitern – und warum das kein #Stadtproblem ist

#Gütersloh, 17. Januar 2026

Einstieg: eine falsche #Frage

Wir stellen seit Jahren dieselbe Frage: »Wie retten wir die Innenstädte?« Und wir bekommen seit Jahren dieselben Antworten: mehr #Grün, weniger #Autos, Pop up Stores, #Aufenthaltsqualität, #Belebung, Fahrradstraßen, Events, Stadtmarketing, Stadtplanung, Konzepte, Ideen et cetera. Und trotzdem passiert etwas Merkwürdiges: Nichts davon funktioniert #nachhaltig. Die These ist deshalb radikal, aber einfach: Innenstädte scheitern nicht, weil sie schlecht gestaltet sind oder schlecht verwaltet werden. Sie scheitern, weil sie nicht mehr gebraucht werden.

Und der Grund dafür liegt nicht in der #Stadt. Er liegt zwischen uns und der Welt.

#Öffentlichkeit ist kein #Raumproblem

Zuerst eine Klarstellung: #Öffentlicher #Raum fehlt nicht. #Plätze fehlen nicht. #Bänke fehlen nicht. #Fußgängerzonen fehlen nicht. Was fehlt, ist Öffentliches Leben.

Und Öffentliches Leben entsteht nicht, weil irgendwo Raum ist. Es entsteht nur, wenn Menschen dorthin wollen.

Nicht sollen.

Nicht können.

Wollen.

Ein Vergleich, der wehtut (aber hilft)

Man stelle sich ein griechisches Dorf im Sommer vor. Einen zentralen Platz. Abends sind alle dort. Nicht wegen der Stühle. Nicht wegen des Designs. Nicht wegen eines Konzepts. Sondern weil Zuhausebleiben seltsam wäre, #Abwesenheit auffällt, Öffentlichkeit der Normalzustand ist.

Dort gilt: Wer nicht draußen ist, verpasst etwas (FOMO – Fear Of Missing Out). Bei uns gilt oft das Gegenteil: Wer draußen sitzt, wirkt seltsam (FOLO – Fear Of Looking Odd). Das ist kein Wetterunterschied sondern eine #kulturelle #Codierung.

Der eigentliche Gegner der #Innenstadt

Innenstädte konkurrieren nicht mit #Amazon. Nicht mit #Parkplätzen. Nicht mit dem #Auto.

Innenstädte konkurrieren mit dem #Bildschirm. Und mit »Bildschirm« ist nicht nur der #Fernseher gemeint. Gemeint sind #Smartphone, #Laptop, #Tablet, #Social #Media, #Streaming, #Nachrichtenfeeds. Kurz: der Bildschirm als Dauerzustand. Der Bildschirm ist das, auf dem man etwas sieht.

Der Bildschirm als neue #Mitte

Das Wort »Medium« bedeutet ursprünglich »Mitte«. Das #Dazwischen. Die Schwelle zwischen #Privat und #Öffentlich.

Früher war diese Schwelle die #Straße, der #Platz, die #Kneipe (Dritter Ort), der #Markt. Heute ist diese Schwelle der Bildschirm. Er ist öffentlich im Inhalt, privat im Ort, folgenlos im Handeln. Man ist zu Hause und doch »dabei«, ohne gesehen zu werden, ohne Konsequenzen. Wir nennen das »Pseudoöffentlichkeit«. Das #Fernsehen ist ein »Guck Guck Medium« (in Anlehnung an das Kinderspiel »Peekaboo«). Dank des Fernsehens ist die Welt (soweit sie »Bildschirme« hat) eine »Guck Guck Welt« geworden.

Warum das so mächtig ist

Der Bildschirm bietet Öffentlichkeit ohne #Risiko, ohne #Körper, ohne #Konflikt, ohne #Verpflichtung – und das bequem zu Hause. Er ist billiger, bequemer, kontrollierbarer, und deshalb psychologisch überlegen. Die Frage ist nicht: »Warum gehen die Leute nicht mehr in die Innenstadt?« Die ehrlichere Frage ist: »Warum sollten sie?« Die Öffentlichkeit (Pseudoöffentlichkeit mit tausend Kanälen per Knopfdruck) haben sie im Wohnzimmer. Und dank der Social Media können sie sogar mit den Personen in dieser #Pseudoöffentlichkeit kommunizieren. Was will man mehr?

Ein Gedankenexperiment

Man stelle sich vor: kein #Internet, kein #Streaming, keine #Social #Media, kein #Bildschirm. Oder anders gesagt: Stromausfall, Geräte defekt, kein Signal, kein Internet. Was passiert? Die Menschen würden unruhig, nervös, rausgehen, andere suchen. Öffentlichkeit würde explodieren.

Nicht schön.

Nicht geordnet.

Aber real.

Das zeigt: Öffentlichkeit ist nicht verschwunden. Sie ist nur verdrängt.

Der Bildschirm als Ereignishorizont (Metapher!)

Jetzt eine Metapher – bitte nicht wörtlich nehmen: Der Bildschirm ist wie ein #Ereignishorizont bei Schwarzen Löchern. Davor: das Private (im Schwarzen Loch). Dahinter: die Welt, die Öffentlichkeit (der Kosmos). Auf ihm: eine Grenze, die man sieht, aber nicht überschreitet.

Man beobachtet Öffentlichkeit (die Pseudoöffentlichkeit auf dem Bildschirm), ohne Teil von ihr zu sein. Und genau deshalb verhalten sich Menschen dort anders: #aggressiver, #radikaler, #enthemmter. Nicht, weil sie schlechter sind. Sondern weil der Andere nicht real anwesend ist.

Warum #Stadtplanung daran scheitern muss

Stadtplanung reagiert – verständlich – mit #Gestaltung, #Möblierung, #Begrünung, #Verkehrsprojekten, #Leerstandsmanagement, #Stadtmarketing, #Events, #Aktionen et cetera. Aber all das verändert nicht die #mediale #Gravitation.

#Pop #up #Stores, #Fahrradstraßen, #Klimaoasen sind keine #Wurmlöcher aus diesem Zustand. Sie finden innerhalb desselben Systems statt. Oder zugespitzt: Man kann Gravitation nicht begrünen.

Die unbequeme Wahrheit

Die Wahrheit ist nicht: »Die Stadt ist kaputt«, »Die Menschen sind falsch«, »Der Handel hat versagt«. Die Wahrheit ist: Wir haben Öffentlichkeit privatisiert und wundern uns, dass sie draußen fehlt.

Innenstädte sterben nicht an falschen Konzepten. Sie sterben an fehlender #Notwendigkeit beziehungsweise am fehlenden Willen.

Was man wenigstens tun kann

Man kann das benennen, darüber sprechen, aufhören, #Symptome zu verwalten. Man kann akzeptieren: Ohne eine #Kultur des Öffentlichen Lebens gibt es keine lebendige Innenstadt. Und Kultur lässt sich nicht designen, pflastern, rendern, verwalten, planen. Kultur fußt auf #Freiheit.

Schluss

Vielleicht ist das keine #Stadtkrise. Vielleicht ist es eine #Öffentlichkeitskrise. Und vielleicht ist die ehrlichste Frage nicht:> Wie retten wir die #Innenstadt? Sondern: Wollen wir Öffentlichkeit überhaupt noch – mit allem, was sie kostet?

Wenn nicht, sollten wir wenigstens aufhören, so zu tun, als ließe sich das Problem mit Bänken lösen.