#Narzissmus: schlimmer als man glaubt – von #Gaslight, #Normalität und der #Banalität der #Wahrnehmungszerstörung
- Über narzisstische Gewalt, ihre #Fehlwahrnehmung – und warum Differenzierung notwendig ist
#Gütersloh, 10. Januar 2026
Es gibt #Erfahrungen, die sich nicht erzählen lassen, ohne unglaubwürdig zu wirken. Nicht, weil sie unwahr wären, sondern weil sie die impliziten Annahmen einer funktionierenden sozialen Realität verletzen. Wer sie nicht selbst gemacht hat, verfügt oft nicht über die #kognitiven oder #emotionalen #Anknüpfungspunkte, um sie einzuordnen. Genau hier beginnt das 2. Trauma (#Sekundäre #Traumatisierung).
Ein kultureller Referenzpunkt, der dieses Phänomen exemplarisch sichtbar macht, ist das Stück »#Gaslight«, das auch verfilmt wurde. Es zeigt keine spektakuläre #Gewalt. Keine #Eskalation, keine offene #Grausamkeit. Stattdessen zeigt »Gaslight« etwas sehr viel Verstörenderes: die schrittweise #Zerstörung von #Wahrnehmung durch scheinbar rationale, alltägliche Kommunikation. Gerade diese Subtilität macht den Vorgang brutal – und realistisch.
Die Mechanik des Gaslights
#Gaslighting funktioniert nicht durch #Lügen allein. Es funktioniert durch die systematische Verweigerung von Selbstverständlichkeiten. Dinge, die in einer gesunden sozialen Interaktion nicht verhandelbar wären – #Wahrnehmungen, #Fakten, #basale #Fairness – werden zum Gegenstand endloser #Diskussionen.
Beispielhaft (anonymisiert, aber realitätsnah)
- Einer Person wird öffentlich unterstellt, alkoholkrank zu sein – tatsachenwidrig und ohne jeden Beleg.
- In E Mail Verteilern wird über »vergangene Vorkommnisse« gesprochen, tatsachenwidrig und ohne sie zu benennen.
- Es fallen Sätze wie: »Der spinnt doch« – nicht im Affekt, sondern eingebettet in formale Kommunikation in E Mail Verteilern.
- Es wird angedeutet, jemand befinde sich in psychiatrischer Behandlung oder »man hoffe, er werde dort wieder hinbekommen«.
- Jemandem wird wie hypnotisierend in einem Gespräch immer wieder gesagt »Du kannst nicht kommunizieren«.
- Es wird konstatiert, es gebe einen Bereich, in dem der Betroffene hochdefizitär sei, ohne den Bereich überhaupt zu benennen.
Keine dieser Aussagen wirkt auf Dritte offen aggressiv, teils wirken sie sogar fürsorglich, sachlich oder harmlos. Aber in ihrer kumulativen Wirkung entsteht etwas anderes: eine soziale #Realität, in der die betroffene Person nicht mehr als glaubwürdiger #Akteur existiert. Bis hin zur »sozialen Exekution« und dem Versuch, die Wahrnehmung des Betroffenen zu zerstören. Per se arbeiten Narzissten gerne mit »Double Binds« oder sogar »Multiple Binds«.
#Double #Binds sind letztlich eine Taktik, bei der zunächst suggeriert wird, es gebe lediglich 2 Optionen des Handelns, Denkens, Wahrnehmens, Sagens – was auch immer. Eine falsche Dichotomie. Und sie sind so konstruiert, dass beide Optionen falsch sind beziehungsweise dass beide Optionen dem Betroffenen schaden.
Double Binds sind kommunikative Zwangsstrukturen, in denen jede mögliche Reaktion sanktioniert wird. Sie erzeugen keine falsche Entscheidung, sondern Unentscheidbarkeit. Genau darin liegt ihre zerstörerische Wirkung: Das Gegenüber kann nicht mehr »richtig« handeln, sondern nur noch verlieren. Über längere Zeit führen solche Strukturen zu Selbstzweifel, kognitiver Erschöpfung und einem tiefen Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung.
Beispiele für Double Binds
1. Jemand mag keine #Austern, ihm wird davon schlecht. Ihm wird gesagt: »Du als Feinschmecker magst doch Austern?« Sagt er ja, muss er sie essen – und es wird ihm schlecht. Sagt er nein, ist er kein Feinschmecker. Egal wie er antwortet: Es ist falsch.
2. Man fragt jemanden nach seiner Meinung. Man sagt sie: »Immer musst du deine Meinung sagen«, man sagt nichts: »Du hast wohl gar keine eigene Meinung.«
3. Jemand trinkt keinen #Alkohol. »Ach komm, nur ein Glas.« Man trinkt, alos überschreitet man seine eigene Grenze und tut etwas, das man nicht tun will. Man trinkt nicht – man gilt als ungesellig.
4. Ein Elternteil schenkt dem #Kind 2 Pullover (einen blauen und einen roten). Als das Kind den blauen anzieht, fragt der Elternteil enttäuscht: »Gefällt dir der rote etwa nicht?«
5. »Ignorieren Sie diese Anweisung!« Um die Anweisung zu befolgen, muss man sie beachten (also nicht ignorieren). Wenn man sie ignoriert, hat man sie bereits befolgt, was wiederum unmöglich ist, wenn man sie ignoriert.
Eines der besten und originellsten Beispiele für einen Double Bind ist ein Ausschnitt aus einer Gerichtsszene in einer Kurzgeschichte von #Ephraim #Kishon: »Angeklagter! Schlagen Sie immer noch Ihre Frau? Antworten Sie nur mit ja oder nein!«
Es geht sogar noch besser und harmloser: »Geht es Ihnen besser?«
Es gibt nur einen Ausweg – das Framing nicht zu übernehmen. Nicht mitzuspielen. Zudem gibt es oft auch weitere Optionen, die aber nicht genannt werden.
Argumentation als Waffe
Auffällig ist dabei die Art der Kommunikation. Es wird nicht geschwiegen – im Gegenteil. Es wird exzessiv argumentiert: mit #Strohmannargumenten (auf etwas antworten, das niemand behauptet hat), mit #Nonsensargumenten (formal korrekt, inhaltlich irrelevant), mit #Gish #Gallops (viele Behauptungen in kurzer Zeit), kombiniert mit #Filibustern (endlose Ausführungen ohne Entscheidungsabsicht).
Das Ziel ist nicht #Überzeugung, sondern #Erschöpfung. Nicht #Klärung, sondern #Desorientierung. Die betroffene Person gerät in eine paradoxe Situation: Sie kann nicht alles beantworten – darf aber auch nichts unbeantwortet lassen. Das Resultat ist #Fassungslosigkeit. Und diese Fassungslosigkeit wird dann wiederum als #Beleg gegen sie verwendet.
Die Nähe zur »Banalität des Bösen«
Hier ist die Parallele zu »#Eichmann in #Jerusalem« und #Hannah #Arendts Begriff der »#Banalität des #Bösen« evident. Auch hier tritt das #Destruktive nicht als #Ausnahme auf, sondern als #Normalvollzug. Als sachliche Kommunikation. Als Zuständigkeit. Als »man muss das doch sagen dürfen«.
Das #Böse zeigt sich nicht in der Absicht, sondern in der Routine. In der Abwesenheit von #Reflexion. In der Selbstverständlichkeit, mit der die Realität anderer Menschen umdefiniert wird.
#Narzissmus ist ein #Spektrum – und keine #Allzweckwaffe
An dieser Stelle ist #Differenzierung zwingend notwendig. Narzissmus ist kein binäres Merkmal. Er ist ein #Spektrum. Es gibt narzisstische Züge, die funktional, kompensatorisch oder situativ sind. Es gibt narzisstisches Verhalten, das unerquicklich, aber nicht pathologisch ist. Es gibt soziale und kulturelle Kontexte, in denen »narzisstisch« vorschnell als #Kampfbegriff benutzt wird.
Nicht jedes dominante, selbstbezogene oder konflikthafte Verhalten ist Ausdruck einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (#NPD). #Diagnosen sind komplex, kontextabhängig und gehören in fachkundige Hände. Hier wird tatsächlich viel übertrieben, vereinfacht und behauptet – oft aus eigener Kränkung heraus.
Gleichzeitig – und das ist der entscheidende Punkt – gibt es am oberen Ende dieses Spektrums Formen narzisstischer Dynamik, die qualitativ anders sind. Hier geht es nicht mehr um Selbstwertregulation, sondern um Realitätskontrolle. Um die systematische Verschiebung dessen, was gesagt, gedacht und geglaubt werden darf.
Diese Ausprägungen wirken nach außen oft rational, ruhig, kontrolliert. Intern jedoch operieren sie aus einer abgespaltenen Realität, in der Empathie, Grenzen und Verantwortung keine regulierende Rolle mehr spielen. Das macht sie so gefährlich – und so schwer vermittelbar.
Das 2. #Trauma: Unglauben
Wer solche Dynamiken erlebt und darüber spricht, macht häufig eine 2. Erfahrung: #Unglauben. #Relativierung. #Neutralisierung. #Verharmlosung. Der Hinweis, man müsse »beide Seiten sehen«. Oder dass das doch »sehr extrem« klinge.
Dieser Unglauben ist keine neutrale Reaktion. Er ist Teil des Problems. Er entsteht nicht aus bösem Willen, sondern aus dem Bedürfnis, das eigene Weltbild zu schützen. Denn wenn das Gesagte wahr wäre, müsste man akzeptieren, dass Realität manipulierbar ist – und dass niemand davor automatisch geschützt ist.
»Gaslight« ist kein historisches Psychodrama
Das Stück ist eine präzise Darstellung dessen, was passiert, wenn #Macht über #Wahrnehmung ausgeübt wird – leise, rational, banal. Und Arendts Analyse liefert den theoretischen Rahmen, um zu verstehen, warum genau diese Normalität so zerstörerisch ist. Differenzierung ist notwendig. Nicht jeder Narzisst ist gefährlich. Nicht jedes narzisstische Verhalten ist pathologisch. Aber die Existenz von Übertreibung darf nicht dazu führen, das Reale zu verleugnen.
Denn das eigentlich Brutale an dieser Form von Gewalt ist nicht, dass sie laut ist – sondern dass sie funktioniert, ohne je als Gewalt anerkannt zu werden. #Justiz, #Politik und #Gesellschaft sind auf diesem Auge blind. Was ebenfalls zur Sekundären Traumatisierung gehört.
Bild: NOW KI





























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