Ein Modesyndrom erreicht Gütersloh, Leaky Gut Syndrom: Mythos löchriger Darm

Gütersloh, 16. April 2023

Das sogenannte »Leaky Gut Syndrom« (»löchriger« oder »durchlässiger« Darm) ist eine alternativmedizinische Hypothese, nach der eine Vielzahl unterschiedlicher Erkrankungen auf eine pathologisch abnorme Durchlässigkeit der Darmwand oder der Darmschleimwand (der Darmflora) zurückzuführen sein sollen. Teil dieser Hypothese ist die Annahme, dass bestimmte Nahrungsergänzungsmittel und eine glutenfreie Ernährung das Syndrom heilen könnten – in den USA gilt Gluten nicht wenigen gar als »giftig«. Die Hypothese des »Leaky Gut Syndroms« ist wissenschaftsmedizinisch nicht anerkannt, was nicht wenige »Alternativmediziner« als Teil einer Verschwörung betrachten. Kritiker des hypothetischen »Leaky Gut Syndroms« sehen darin entweder eine Art »Modeerkrankung« oder Krankheitserfindung zum Absatz bestimmter Tests, #Therapien und #Produkte. Einige betrachten das behauptete #Syndrom gar als Spielfeld für Wichtigtuer und #Imperten.

Die Hypothese vom »Leaky Gut« ist von der wissenschaftlich gut bekannten, erhöhten Durchlässigkeit der Darmwand im Sinne einer »increased intestinal permeability« zu unterscheiden.

Behauptete Folgekrankheiten

Befürworter der Existenz des Leaky Gut Syndroms sind der Meinung, dass zahlreiche systemische Erkrankungen auf das Phänomen zurückgingen – Diabetes mellitus Typ Eins, #Asthma bronchiale, Ekzeme, Lupus erythematodes (eine Hauterkrankung durch Autoimmunprozesse), Chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS, Fatigue Syndrom), verschiedene Lebensmittelallergien, Migräne, Multiple Sklerose (MS), Autismus und Übergewicht sind die bekanntesten Beispiele.

Behauptete Ursachen und Pathophysiologie

Die Ursache des behaupteten »leaky gut« (»durchlässigen« oder »löchrigen« Darms) seien nicht näher genannte »Toxine«, Bakterienbesiedelungen des Darmes, Hefepilzinfektionen des Darmes, eine minderwertige Ernährung und #Medikamente wie etwa #Antibiotika. In der Folge komme es zu einer pathologischen Besiedelung des Bluts durch Bakterien, die in eine »Schwächung« des Immunsystems münde.

Von #Alkohol, nichtsteroidalen Antirheumatika (sogenannte »NSAR« wie etwa Acetylsalicylsäure (»ASS«, »Aspirin«)) und Morbus Crohn sind Schädigungen der Darmwand medizinisch bekannt. Diese Mittel werden allerdings im Rahmen des alternativmedizinischen »Leaky Gut Syndroms« nicht diskutiert und sind auch nicht als Auslöser der oben bereits genannten #Erkrankungen bekannt.

Beispiele für Therapien auf Basis der Leaky Gut Syndrom Hypothese

Zahlreiche alternativmedizinische und pseudomedizinische Verfahren wurden zur Behandlung des hypothetischen »Leaky Gut Syndroms« vorgeschlagen und werden aktuell verschrieben. Dazu gehören etwa eine glutenfreie, zuckerarme oder proteinfreie Diät. Auch eine glutenfreie und kaseinfreie Ernährung (GFCF Ernährung) wird propagiert. Ein Nachweis der Eignung dieser Behandlung der genannten Folgekrankheiten (etwa Autismus oder MS) steht dabei aus.

Befürworter berufen sich auf den US amerikanischen Arzt F. Curtis Dohan (der einen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und dem Konsum von #Getreide und #Milch vermutete) und den norwegischen Arzt Karl Reichelt. In Deutschland äußerte sich der Verein »Autismus« kritisch zu derartigen Diäten: »Therapeutische Maßnahmen wie die Einleitung einer glutenfreien oder kuhmilchfreien Diät ohne Nachweis spezifischer Antikörper […] sind aus medizinischer Sicht nicht gerechtfertigt«.

Mehrere medizinische Fachverbände äußerten sich skeptisch oder ablehnend zur GFCF Diät bei der Behandlung oben genannter #Erkrankungen – die American Academy of Pediatrics schrieb 2007 in einem Clinical Report (2007), dass die GFCF Diät nicht für #Kinder mit frühkindlichem Autismus geeignet sei, da Belege einer Wirksamkeit fehlten: »Although use of the gluten casein free diet for children with ASDs is popular, there is little evidence to support or refute this intervention, and reviewers have determined that meaningful conclusions cannot be drawn from the existing literature.« 2008 kam die Cochrane Library zu einem negativen Ergebnis der #GFCF #Diät bei Autismus. Auch ein 2009 veröffentlichtes Review kam zu einem negativen Ergebnis.

In seinem 2013 erschienenen Buch »Die Säure des Lebens« macht der Münchner #Heilpraktiker Uwe Karstädt das »Leaky Gut Syndrom« als »neue Volksseuche« aus. Karstädt empfiehlt dagegen das Produkt »Biologo Leaky Gut« (»repariert Löcher im Darm«, 125 Milliliter für rund 125 Euro).