Glühbirne

QR-Code oder es gibt auch ein Leben ohne Bargeld und EC-Karte

Nach fast zwei Jahren, mit den unterschiedlichsten Variationen von »Lockdown«, reise ich endlich wieder. Zurück nach Asien – in den Winkel des Planeten, in der sich der Wandel am schnellsten vollzieht – wo sich die Menschen an neue Technologien anpassen, ohne die Neophobie, die Angst vor dem Neuen, die die westliche Welt so oft ausbremst.

Lesedauer 4 Minuten, 33 Sekunden, Artikel zuletzt bearbeitet am 31. Dezember 2021, DOI: https://www.guetsel.de/content/33740/6026110.html
QR-Code oder es gibt auch ein Leben ohne Bargeld und EC-Karte

QR-Code oder es gibt auch ein Leben ohne Bargeld und EC-Karte

Thailand, Syngenio

Eine lohnenswerte Betrachtung des allgegenwärtigen QR-Codes in Thailand vom Autor Mark Spiessl

Nach fast zwei Jahren, mit den unterschiedlichsten Variationen von »Lockdown«, reise ich endlich wieder. Zurück nach Asien – in den Winkel des Planeten, in der sich der Wandel am schnellsten vollzieht – wo sich die Menschen an neue Technologien anpassen, ohne die Neophobie, die Angst vor dem Neuen, die die westliche Welt so oft ausbremst.

Als Deutscher kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass wir durchaus in der Lage sind, den Wandel zu bekämpfen, bis er unvermeidlich wird. Wir erfinden, wie wir es in der Vergangenheit oft getan haben, aber dann exportieren wir unsere Technologie schnell. Oftmals ohne sie zuerst zu Hause einzuführen. Man denke nur an die berühmtberüchtigte berühmte Magnetschwebebahn, die im Emsland verrottet und in Shanghai als leuchtendes Beispiel für modernes Transportwesen »Made in China« gefeiert wird. 

Wieder in Asien wurde mir erneut bewusst, dass wir in Deutschland wieder eine Innovation verpennt haben. Denn ich sehe, wie ein winzig kleines Quadrat gefüllt mit noch winzigeren kleinen schwarzen Quadraten zumindest hier die Welt revolutioniert hat.

Vor allem die allgegenwärtigste Verwendung in ganz Thailand beeindruckt mich: mobiles Bezahlen in Echtzeit per #QR Code. Ja, Asien hat bereits eingeführt und perfektioniert, was wir in Europa unter Namen wie »EPI« und »SRTP« immer noch zu ergründen versuchen …

Der QR Code – in Thailand wirklich allgegenwärtig

Es ist offensichtlich, dass eine Zahlungsmethode irgendwo allgemein akzeptiert wird, wenn selbst ein lokaler Obststand oder #Streetfood Verkäufer sie verwenden – und genau das habe ich in Thailand gesehen – überall.

Bezahlen: 3 Schritte in 3 Sekunden

Der Kunde scannt den Händler QR Code, es öffnet sich das Online Banking des Kunden auf seinem Handy
Lediglich der zu zahlende Betrag wird vom Kunden in seinem persönlichen Online-Banking eingegeben – alle anderen Daten sind schon da – und dort durch Fingerprint oder #Face ID zur Bezahlung bestätigt, 
der Kunde zeigt dem Händler diese »Zahlungsbestätigung« auf seinem Bildschirm, fertig.

Ich habe als Experte 25 Jahre in der Kreditkartenbranche verbracht und habe solch schnelle B2C Zahlungen nur offline im kontaktlosen Untergrund gesehen. War das eine neue Form des asiatischen »Tap & Go«? Ich setzte meine Beobachtung fort und entdeckte … nein, das sind Online Echtzeit Sofortzahlungen! Das ist RTP (Real-Time Payments) wie es sein soll! Dies war das Girokonto des Kunden, das Geld sofort direkt auf das Girokonto des Händlers schickte.

Übrigens, meine Versuche, verschiedene QR Codes zu scannen, schlugen fehl, da mein Telefon die gelieferten Nummern nicht erkennen konnte. Die Sicherheit ist gewährleistet, denn die Bankkontoinformationen werden tokenisiert und die Anwendung kommt direkt aus dem #Online #Banking jedes Kunden.

Die Händler sehen zwar sämtliche Zahlungseigänge auf deren Handys – auch dort über deren jeweiligen Online Banking Apps, denn es gibt keine Ladenkasse mehr, die abends geleert und gezählt werden müsste, um dann das Geld zur Bank zu tragen. Es ist alles sofort und in Echtzeit bereits auf seinem Konto. Aber die Händler kontrollieren die Zahlungseingänge nur ab und zu stichprobenartig, denn sie haben in kürzester Zeit gelernt, der Bestätigung auf dem Kunden Handy zu vertrauen. Dort wird auch eine von ihm in seinem QR Code mitgelieferten Notiz angezeigt – quasi sein »Geheimwort«, das weder der Kunde noch die Bank des Kunden kennt, aber dort kontrolliert werden kann.

Im Restaurant fragt man nach dem QR Code, sollte dieser nicht bereits auf der Rechnung abgedruckt sein. Erneut gibt es nur die 3 Schritte: Code einscannen, Banking #App öffnet sich und die Felder wie etwa der Name des Restaurants, die Kontoverbindung und so weiter sind alle bereits ausgefüllt. Der Kunde gibt nur noch den zu zahlenden Betrag ein, bestätigt mit seinem Fingerabdruck oder Gesichtsscan und zeigt dem Kellner die Bestätigung. Fertig.

Quittung? Kein Problem: auf der Bestätigung ist ein QR Code zum Scannen beziehungsweise ein Link zu einem PDF.

Jede verpasste Gelegenheit begann mit einem »Ja, aber …«

Also ja, das System hat seine Grenzen. Das System funktioniert nicht für jeden überall und jedes Mal – aber für diejenigen, bei denen es funktioniert, funktioniert es besser als alles andere, was ich je gesehen habe.

Und das brachte mich zum Nachdenken. Warum machen wir uns in Deutschland immer so große Sorgen, dass ein Bezahlsystem immer für alle und überall funktioniert, bevor wir es versuchen – und so neue Technologien oft komplett unterbinden, nur weil jemand irgendwo nicht in der Lage ist, es zu nutzen? Müssen immer bestimmte Bedingungen für alle erfüllt sein? Warum nicht einfach etwas aufgreifen, das für die meisten Leute die meiste Zeit besser funktioniert, und das alte System – etwa Bargeld – für seltene Ausnahmefälle einfach mitlaufen lassen?

Sind wir in Deutschland einfach so besessen davon, dass die Lösung perfekt ist, dass wir oft den Zug verpassen?

NFC oder Bluetooth oder vielleicht doch der QR Code? Ist diese Frage überhaupt noch eine relevante? Oder versuchen wir in Deutschland etwa verzweifelt, die Frage offen und unbeantwortet zu halten, weil wir einen eigenen quasi perfekten Weg gehen wollen – obwohl die Welt schon lange entschieden hat, wie es weitergeht?

Manchmal kann man eine Idee auch zu Tode denken. Aber manchmal bleibt die Welt nicht stehen und wartet darauf, dass Sie aufholen. Manchmal muss man einfach mit dem Strom schwimmen und beobachten, wie sich die Zukunft um einen herum entfaltet.

[Das ist genau das, was Gütsel als »Überelaboration« bezeichnet. Das Phänomen stellt sich auch als Superideologien dar. Die deutsche Superideologie ist die, dass es kein Problem gibt, das man nicht verbieten kann. Die amerikanische ist die, dass es kein Problem gibt, das man nicht abknallen kann. Anm. d. Red.]

Salenti

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