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Ein Kunst-Märchen der Gebrüder Grimm

Es war einmal ein verschlafenes Städtchen im Ostwestfälischen. Durch die kräftig rauchenden Schornsteine ortsansässiger Großunternehmen und den Budenzauber eines ehemals bundesligaverdächtigen Fußballvereins trug der Wind den Slogan

Lesedauer 2 Minuten, 20 Sekunden, Artikel zuletzt bearbeitet am 10. Februar 2005
Ein Kunst-Märchen der Gebrüder Grimm

Es war einmal ein verschlafenes Städtchen im Ostwestfälischen. Durch die kräftig rauchenden Schornsteine ortsansässiger Großunternehmen und den Budenzauber eines ehemals bundesligaverdächtigen Fußballvereins trug der Wind den Slogan des Kirchspiels auch in weit entfernte Landesteile: »Schlafen und Arbeiten. Aber das vom Feinsten«. Geplagt von Minderwertigkeitskomplexen beschlossen die Stadthäuptlinge, die in einem schmucklosen Stein-Tipi residierten, die Imagepflege für das Städtchen nicht länger Bücherwürmern, Wäschetrommlern und Rundem-Leder-Nachjagern zu überlassen. Etwas Großes sollte es sein, etwas zur Stärkung des Profils als »Kulturstadt«, wie es der Rat der Unweisen so schön formulierte. Und so wurde schließlich die grandiose Idee eines Theaterneubaus geboren.

Ein Frohlocken setzte ein und die Häuptlinge sahen sich schon auf der Eröffnung, für die schon Kopien der letzten Oscar-Verleihung als Anschauungsmaterial angefordert waren. Doch plätzlich schreckte der Finanzhäuptling »Was kostet die Welt« die kleine Gruppe mit dem großen Plan aus allen Träumen. »Wie ich gerade festestelle, werden wir 2003 wohl rund 128 Millionen Euro Schulden haben. Wir müssen sparen«, sprach er mit belegter Stimme. »Kein Problem«, beruhigten ihn die Roten und Schwarzen, »dann streichen wir doch einfach unnütze Zuschüsse für Vereine, Kidnergärten, Schulen und Kultur. Und bitten das Volk um einen kleinen zusätzlichen Steuer- und Gebührenobulus von 1,6 Millionen Euro. Bei unserem tollen Unterhaltungsprogramm wie Schinkenmarkt, City-Treff, Michaeliswoche und Weihnachtsmarkt nehmen uns Otto und Emmi Normalbürger diese einschneidenden Maßnahmen sicher nicht übel. Und außerdem – was kümmert uns das gemeine Volk auf der Straße?«

Doch plötzlich regte sich Unmut bei gerade diesem Volk! Warum ein Theaterneubau für 29 Millionen Euro mit immensen Folgekosten, wenn kein Geld in der Schatulle ist? Warum für jeden der 617 Sitzplätze 69.712 Euro bezahlen? Sitzplätze, auf denen 80% des Volkes nie Platz nehmen werden. Und auf den wie immer verwaisten Plätzen des Städtchens krochen so langsam die Gerüchte aus den Gullis: »Ohne Moos nix los« wußte ein Angehöriger der steuerzahlenden Kaste aus seinem Bankgespräch zu berichten. Weil er seinen Dispo um 1,34 Euro überzogen hatte, wurde ihm der Kredit für ein Roggenbrot verweigert. Ein anderer wiederum wußte über einen Dritten, daß beim Smoking-Verleih für die Theater-Eröffnung schon alle edlen Zwirne vergriffen seien. Und alle Häuptlinge, die für den Neubau stimmen, sollen eine feste Zusage für einen Stammplatz am »Lagerfeuer der Kultur« sicher haben. Damit soll möglichst vermieden werden, daß ein zufällig freier Platz von jeanstragenden Kunstbanausen belegt wird. Schließlich will man ja bei Schwanensee und Henze unter sich bleiben – auch wenn mant nicht immer versteht, um was es geht und Vater nur mitkommt, um mal wieder schön teuer zu schlafen. Naja – alles nur Gerüchte. Aber man weiß ja nie. Wahr ist jedoch, daß ein paar Wagemutige zu einer Befragung des Volkes aufgerufen haben. Wenn schon 29 Millionen Euro aus dem Verkauf einer Energiequelle in ein Theater statt in Schuldenreduzierung oder aktuell sinnvollere Ausgaben investiert werden sollen, warum dann per Mitbestimmung? »Blöde Idee« denken die meisten Häuptlinge im steinernen Tipi. »Einfach märchenhaft« denken die Gebrüder Grimmig.

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