»Wir hatten in dieser Saison durchaus unsere Chancen«

Mit einer guten Performance beim Berlin E-Prix ging für das TAG-Heuer-Porsche-Formel-E-Team am vergangenen Wochenende die Saison Sieben der ABB FIA Formel-E-Weltmeisterschaft zu Ende

Artikel vom 20. August 2021
Video: Porsche

Mit einer guten Performance beim Berlin E-Prix ging für das TAG-Heuer-Porsche-Formel-E-Team am vergangenen Wochenende die Saison Sieben der ABB FIA Formel-E-Weltmeisterschaft zu Ende. Amiel Lindesay, Einsatzleiter Formel E, zieht in unserem Interview Bilanz. Er spricht über die positive Entwicklung des Teams im leistungsstarken Umfeld der ersten Elektrorennserie der Welt, die verpassten Chancen im Kampf um den ersten Sieg des Porsche 99X Electric und über die wichtigsten Aufgaben bei der Vorbereitung auf die Saison Acht. 

Eine Pole-Position und zwei Podiumsplatzierungen: Welche Bilanz ziehst Du nach eurer zweiten Formel-E-Saison?

»Wir haben alles, was es braucht, um auf einem Top-Level konkurrenzfähig zu sein. Das haben wir bewiesen. Wenn wir auf die Saison zurückblicken, müssen wir uns aber auch eingestehen, dass wir insgesamt etwas hinter unseren eigenen Erwartungen zurückgeblieben sind. Da gab es einige Rennen, bei denen wir einfach nicht gut genug waren. Vor allem in der ersten Saisonhälfte haben wir Punkte verschenkt, und das hat uns zurückgeworfen. Auf der anderen Seite waren wir in der zweiten Saisonhälfte eines der konstantesten Teams und haben regelmäßig gepunktet. Unsere Position in der Meisterschaftstabelle reflektiert nicht wirklich, wo wir als Team stehen. Wir haben das Potenzial, Rennen zu gewinnen. In dieser Saison mit Höhen und Tiefen haben wir viel gelernt, und diese Erfahrungen nehmen wir mit, um zur Saison Acht noch stärker zurückzukommen.«

Wieviel höher war der Erwartungsdruck im Team und an das Team im Vergleich zu eurer Debütsaison?

»Der war natürlich ungleich höher. Doch das ist normal, damit gehen wir jeden Tag um. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass unsere erste Saison in der Formel E durch die Pandemie sehr stark beeinträchtigt war. Uns gingen fünf Rennen verloren, in denen wir hätten lernen und uns als junges Team weiter stabilisieren können. Einige Erfahrungen mussten wir deshalb in kürzerer Zeit sozusagen auf die harte Tour machen.«

Was bedeuteten diese besonderen Umstände für die Entwicklung des Teams?

»Unser Team hat sich in dieser Saison gut weiterentwickelt. Die Fortschritte, die wir gemacht haben, sind enorm angesichts der starken Konkurrenz in dieser Weltmeisterschaft. Ein gutes Team entsteht nicht in einem Jahr. Das ist ein langer, sehr komplexer Prozess. Wir sind auf einem guten Weg. Der Teamspirit und die Motivation, die ich jeden Tag sehe und erlebe, lassen mich sehr zuversichtlich in die Zukunft blicken.«

Mit André Lotterer habt ihr einen Routinier im Team und mit Pascal Wehrlein einen jungen Fahrer. Wie beurteilst Du ihre Performance?

»Pascal kam vor der Saison zu uns und fühlte sich sehr schnell wohl in der Porsche-Motorsportfamilie. Er ist einer der schnellsten Qualifyer im Feld. Auch seine Pace im Rennen ist schon sehr beeindruckend. Wir sind sehr glücklich mit ihm und freuen uns auf eine gemeinsame erfolgreiche Zukunft. Für André war es ein hartes Jahr. In den ersten fünf Rennen hat er nicht gepunktet. Wie er diesen schwierigen Start weggesteckt hat und im sechsten Rennen als Zweiter aufs Podium fuhr, zeigt seine ganze Erfahrung und seine Klasse. Wir haben sehr starke Fahrer und werden zusammen mit ihnen jede Möglichkeit nutzen, weitere Schritte nach vorne zu machen.«

Die Leistungsdichte in der ABB-FIA-Formel-E-Weltmeisterschaft ist sehr groß. Wo seht ihr euch nach dieser Saison im Vergleich mit der starken Konkurrenz?

»In Berlin, beim letzten Event dieser Saison, hatten noch 18 Fahrer eine Chance auf den Titel. Das sagt alles über die Stärke und Ausgeglichenheit dieser Weltmeisterschaft. Im Qualifying lagen die ersten 15 Fahrer manchmal nur zwei Zehntelsekunden auseinander. Das ist unglaublich eng. Ein kleiner Fehler vom Fahrer oder vom Team, und du fällst zurück, ohne Chance auf ein Topergebnis. Diese enorme Leistungsdichte ist aber auch eine große Herausforderung, die uns alle antreibt, immer unser Bestes zu geben. Wenn es gelingt, in diesem Umfeld ein gutes Resultat abzuliefern, ist das eine besondere Befriedigung. Das Wichtigste ist, über die gesamte Saison hinweg konstant gute Leistungen abzuliefern und auch dann Punkte zu holen, wenn es im Qualifying mal nicht optimal läuft. Diese ABB FIA Formel-E-Weltmeisterschaft ist eine großartige Serie. Wir freuen uns, ein Teil davon zu sein.«

Warum hat es in dieser Saison nicht zum anvisierten ersten Sieg gereicht?

»Wir waren oft sehr nahe dran, da hat nicht viel gefehlt. Unglaublich, wie eng es da zugeht. Ein, zwei Plätze weiter vorne im Qualifying können den Unterschied ausmachen. Eine Tausendstelsekunde in der Super Pole kann darüber entscheiden, ob du beim Start auf der sauberen Seite der Strecke stehst oder zusehen musst, wie dein Nebenmann diesen Vorteil für sich nutzt. Ich will jetzt nicht von Puebla sprechen, wo wir als Erste im Ziel waren und uns der Sieg wegen eines Formfehlers aberkannt wurde – aber es ist einfach so, dass wir in dieser Saison durchaus unsere Chancen hatten. Wir verfügen über das Potenzial, das es für Siege braucht. Wir müssen es nur schaffen, alle kleinen Puzzleteile zusammenzufügen.«

Wie froh bist Du, dass Pascal und André auch in der neuen Saison eure Fahrer sind?

»Wir freuen uns sehr, mit ihnen weitermachen zu können. Die Fahrer sind eine sehr wichtige Konstante für die Arbeit eines Teams, nicht nur auf der Rennstrecke. Eine grundlegende Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist Vertrauen, und das ist bei uns gegeben. Gemeinsam fokussieren wir uns jetzt auf die Vorbereitung auf die Saison Acht und darauf, mit Pascal und André das nächste Level zu erreichen.«

Es sind noch 23 Wochen bis zum ersten Rennen in Diriyah. Was passiert bis dahin alles?

»Nach der Saison ist vor der Saison, so banal das auch klingen mag. Es bleibt aber wirklich nicht viel Zeit, die Füße auf den Tisch zu legen. Wir werden einige Tage frei nehmen, um die Batterien wieder aufzuladen, uns dann aber auf die Saison 8 fokussieren, mit allem, was wir haben. Für uns ist die Pause nicht so lang, wie es auf den ersten Blick scheint. Wir haben einen Plan, der zum Ziel hat, unser Potenzial weiter zu verbessern und dadurch die Lücke zur Spitze zu schließen. Diesen Plan werden wir Schritt für Schritt umsetzen, mit vielen Stunden im Simulator und der Optimierung verschiedener Details. Für ein Rennteam ist das der ganz normale Alltag.«

Die Formel E hat es geschafft, in dieser Saison trotz der Pandemie einen attraktiven Rennkalender auf die Beine zu stellen. Wie siehst Du diese Leistung?

»Nicht nur für die Teams, auch für die Organisatoren war das ein hartes Jahr. Dass es die Formel E geschafft hat, trotz der teilweise sehr harten Einschränkungen durch die Pandemie eine volle Saison mit 15 Rennen zu ermöglichen, war eine fantastische Leistung. Ein großes Dankeschön an alle, die dazu beigetragen haben.«

Wenn Du auf die Saison Acht schaust – auf was freust Du dich am meisten?

»Ganz klar auf die großen sportlichen Herausforderungen, die in der ABB FIA Formel-E-Weltmeisterschaft auf uns warten. Und darauf, dass wir unser Potenzial dann voll ausschöpfen und in Rennsiege umsetzen können.«

Zahlen und Fakten: Das TAG Heuer Porsche Formel-E-Team in der Saison Sieben

Nach 15 Rennen an acht unterschiedlichen Austragungsorten beendete das TAG Heuer Porsche Formel-E-Team seine zweite Saison in der ABB FIA Formel-E-Weltmeisterschaft auf dem achten Platz der Teamwertung. Dabei standen für den Porsche 99X Electric eine Pole-Position (Rennen Acht in Puebla) und zwei Podiumsplatzierungen (Rennen Vier in Rom und Rennen Sechs in Valencia) zu Buche.

Zwölf Rennen beendete zumindest ein Porsche 99X Electric in den Punkterängen. Bei drei Rennen holten beide Autos Zähler. In die Super Pole schaffte es bei neun Rennen zumindest ein Porsche 99X Electric, bei einem Rennen qualifizierten sich beide Autos für den Kampf um die Pole-Position. Das beste Teamergebnis erreichte Porsche beim Rennen Elf in New York City: Pascal Wehrlein belegte am Big Apple den vierten, André Lotterer den fünften Platz.

Pascal Wehrlein belegte im Fahrerklassement mit 79 Punkten Rang Elf und war damit bester Deutscher. Er startete einmal von der Pole-Position (Puebla) und schaffte es einmal aufs Podium (dritter Platz in Rom). Fünfmal qualifizierte er sich für die Super Pole und bei neun Rennen holte er Punkte. Es war seine erste Saison für das TAG Heuer Porsche Formel-E-Team.

André Lotterer erreichte mit 58 Punkten Platz 17 der Fahrerwertung. Er holte eine Podiumsplatzierung (zweiter Rang in Valencia), qualifizierte sich viermal für die Super Pole und sicherte sich in sechs Rennen Punkte. Für ihn war es die zweite Saison im TAG-Heuer-Porsche-Formel-E-Team.

Die Porsche 99X Electric spulten in der Saison Sieben in Training und Rennen insgesamt 6.045,06 Kilometer (2.342 Runden) ab.

Porsche in der Formel E

Für das erfolgreiche Renndebüt des TAG-Heuer-Porsche-Formel-E-Teams sorgte André Lotterer im November 2019, als er beim Saisonauftaktrennen in Diriyah den zweiten Platz belegte. Ein Einstand nach Maß und ein Beleg dafür, dass Porsche mit dem Porsche 99X Electric auf Anhieb ein konkurrenzfähiges Fahrzeug am Start hatte. Das wurde durch die erste Pole-Position in Mexiko-Stadt sowie einen weiteren zweiten Platz beim Heimrennen in Berlin eindrucksvoll unterstrichen. Vor der Saison 2020/2021 kam Pascal Wehrlein neu ins Team. Er holte die Pole-Position in Puebla und wurde Dritter in Rom. André Lotterer kam in Valencia als Zweiter ins Ziel. Die Formel E ist die erste vollelektrische Rennserie der Welt und bringt als Beschleuniger für innovative und nachhaltige Mobilitätstechnologien seit 2014 spannenden Motorsport zu den Menschen in den Metropolen. In der Saison 2020/2021, in der erstmals ein Fahrer- und Team-Weltmeister gekürt wurde, waren mehr Automobilhersteller am Start als in jeder anderen Rennserie. Entsprechend interessant und hart umkämpft waren die Rennen. Auch für 2021/2022 setzt Porsche auf seine Stammfahrer André Lotterer und Pascal Wehrlein.


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