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Dörte Hansen auf dem Blauen Sofa


Auf Einladung von Bertelsmann nahm die Bestsellerautorin Dörte Hansen am Dienstag auf dem »Blauen Sofa Gütersloh« Platz und sprach mit dem Moderator Michael Sahr in der ausverkauften Skylobby des Theaters Gütersloh über ihren Roman »Mittagsstunde« …

Artikel vom 15. 5. 2019
Dörte Hansen auf dem Blauen Sofa
Bestseller-Autorin Dörte Hansen und der ZDF-Journalist Michael Sahr auf dem Blauen Sofa im Theater Gütersloh. Foto: Bertelsmann, Jan Voth
Als Dörte Hansen am Dienstagabend auf dem »Blauen Sofa Gütersloh« Platz nahm, war dies für sie ein Schritt raus ihrer Komfortzone. Eigentlich sei sie nämlich eher ein zurückgezogener Mensch, verriet sie dem Publikum in der voll besetzten Skylobby des Theaters Gütersloh. Dass sich die norddeutsche Bestseller-Autorin auf dem literarischen Möbelstück dennoch sehr wohl gefühlt haben muss, zeigte sich in dem unterhaltsamen Gespräch, das sie in der entspannten Atmosphäre der Theater-Lounge mit dem ZDF-Journalisten und -Moderator Michael Sahr führte.

Auf Einladung von Bertelsmann und mit Unterstützung des Fördervereins »Theater in Gütersloh« war die Erfolgsautorin zum ersten Mal nach Gütersloh gereist, um ihren Ende vergangenen Jahres bei Penguin erschienenen Roman »Mittagsstunde« vorzustellen. Ein Buch, das sie »mit reinem Herzen« geschrieben habe, das eine Liebeserklärung an ihre nordfriesische Heimat sei, auch wenn die Menschen in ihrem Heimatdorf das manchmal nicht glaubten, erzählt sie. Denn nach dem Erfolg ihres Debütromans »Altes Land« setzt sich Dörte Hansen in »Mittagsstunde« mit der verloren gegangenen Dorfkultur auseinander, mit dem Niedergang des bäuerlichen Lebens und den veränderten Strukturen auf dem Land.

Sie weiß, wovon sie spricht: Als Landkind aufgewachsen in einem 500-Seelen-Dorf, in dem Nordfriesisches Platt »geschnackt« wurde und immer noch wird, als Tochter des Schlossers, als stolze Ponybesitzerin, aber auch als eines der wenigen Kinder, die auf den Bus warteten, der sie in 45 Minuten nach Husum zum Gymnasium brachte. Spätestens auf der Rückfahrt sei das ländliche Paradies für sie zur Hölle geworden, antwortet Dörte Hansen auf eine entsprechende Frage von Michael Sahr. »Als alle anderen Kinder nach der Schule in Husum bleiben konnten und ich wieder eine dreiviertel Stunde nach Hause fahren musste, in das kleine Dorf, in dem nichts los war und aus dem man dann auch nicht nochmal wieder in die Stadt gefahren ist, um etwas zu unternehmen.« Nach dem Abitur zog es sie deshalb zunächst in die Ferne: Au-Pair in Paris, Linguistik-Studium in Kiel, Auslandssemester in Irland, dann Jobs in Berlin und Hamburg. Heute lebt die frühere Redakteurin und Autorin für Hörfunk und Print in Husum. »Als Jugendliche wollte ich unbedingt weg, aber dann habe ich mich doch wieder sukzessive an zu Hause angenähert«, sagt sie lachend.

Buchautorin zu sein, das habe sie sich bis vor einigen Jahren gar nicht vorstellen können. »Ich war sehr glücklich als Radioreporterin. Das Radio ist sowieso meine Welt, ich liebe Reportagen und lange Wortbeiträge«, berichtet sie. Aber als die 50 näher rückte, packte sie doch die Lust, noch einmal etwas anderes zu machen. »Ich habe immer begeistert gekündigt«, erzählt sie, und das Publikum lacht. Dass ihr Debütroman so durch die Decke ging, habe sie aber überrascht. »Das war wie ein Lottogewinn, man hofft es natürlich, aber glaubt nicht wirklich daran.«

Den Erfolg ihres zweiten Romans »Mittagsstunde« erklärt sich Hansen vor allem mit einem Verlustgefühl von Heimat, das viele nachempfinden könnten. »Wir leben heute in einer Welt, in der wir nicht mehr an einen Ort gebunden sind. Wir haben uns von Sesshaften hin zu Nomaden entwickelt und kommen mit diesem Lebensstil seelisch oft nicht hinterher.« Eine solche Zerrissenheit charakterisiert auch den Protagonisten ihres Romans, Ingwer Feddersen – ein ganz typischer Name übrigens in Nordfriesland. »Dass es eine Knolle gibt, die Ingwer heißt, habe ich erst sehr spät erfahren«, gesteht sie auf dem Blauen Sofa schmunzelnd.

Ingwer Feddersen, auf der einen Seite »Plattschnacker, Doppelkoppspieler, Kneipenwirt und Bauernsohn«, auf der anderen »Wissenschaftler, Hochschullehrer, Arte-Gucker, Lyrikleser«, wie es in ihrem Buch heißt. Mit 47 Jahren kehrt er in sein Heimatdorf Brinkebüll zurück, weil er hier noch etwas gutzumachen hat. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Doch trotz Ingwers Gefühl, seine Familie als Akademiker im Stich gelassen zu haben und sein Leben dennoch nicht so richtig auf die Reihe zu kriegen, sei »Mittagsstunde« vor allem eine Geschichte der Aussöhnung und der »Entschuldung«, so Hansen.

Zwischen den längeren Gesprächsphasen mit Michael Sahr liest die Autorin dem Gütersloher Publikum auch einige Passagen aus dem Roman vor – und gibt dabei natürlich auch eine Kostprobe des nordfriesischen Plattdeutschs, das einige ihrer Figuren im Buch durchgehend sprechen. Wie die verrückte Marret beispielsweise, die in ihren weißen Klapperlatschen durch das Dorf läuft, und den »Ünnergang« des Dorfs als erste erkennt, oder deren Vater und Gastwirt Sönke Feddersen, der das Geheimrezept für die 70-jährige Ehe mit seiner Frau Ella spaßeshalber in dem Schlager »Heute blau und morgen blau« wiederzuerkennen scheint.

Von ihrer Leserinnen und Lesern erhalte sie übrigens jede Menge Post, mal mit einem einfachen Kommentar, mal mit Anregungen für weitere Bücher, erzählt Dörte Hansen gegen Ende des Abends. Ein Brief, der ihr dabei in besonderer Erinnerung geblieben ist, stammt von einer Frau aus dem Nachbardorf ihres Heimatortes. »Altes Land« habe ihr besser gefallen, schrieb diese, »›Mittagsstunde‹ – das kenne ich schon, das ist ja wie bei uns«.

Mit Dörte Hansen holte Bertelsmann bereits zum fünften Mal einen prominenten schriftstellernden Gast auf das Blaue Sofa nach Gütersloh. Zuvor waren die Erfolgsautoren Wladimir Kaminer und Hanns-Josef Ortheil, die WDR-Journalistin Christine Westermann und der Schauspieler Dominique Horwitz zu Lesungen in die Dalke-Stadt gekommen. Und wenn es nach dem Applaus der Gütersloher geht, was das noch lange nicht das Ende.

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