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Interview mit Ray Wilson


Wir haben Ray Wilson, der am 8. April mit seinem Programm »Genesis Klasik« und dem Berlin Symphony Ensemble in die Stadthalle kommt, in einem Hamburger Radiosender getroffen. Die Frage, ob er 501-Jeans trüge, verneint Ray Wilson. Die Debütsingle …

Artikel vom 10. 2. 2005
Interview mit Ray Wilson
Wir haben Ray Wilson, der am 8. April mit seinem Programm »Genesis Klasik« und dem Berlin Symphony Ensemble in die Stadthalle kommt, in einem Hamburger Radiosender getroffen. Die Frage, ob er 501-Jeans trüge, verneint Ray Wilson. Die Debütsingle »Inside« seiner Band »Stiltskin« wurde 1994 für den Werbespot der Jeansfirma Levi?s 501 verwendet und dadurch schnell zu einem Hit in den meisten europäischen Ländern.

Du kommst mit dem Genesis-Klassik-Programm nach Gütersloh. Wer hatte die Idee zu diesem Projekt?

Daran waren viele Leute beteiligt. Ich habe viele Projekte wie dieses, bei den meisten sind Orchester beteiligt. Beispielsweise war ich dabei, als die Scorpions so etwas gemacht haben – ich habe bei diesem Konzert mit ihnen gesungen. Es ist schön, mit einem Orchester zu arbeiten, aber ich denke, man entfernt sich dadurch sehr vom Original – jedenfalls meistens, nicht immer. Und das wollte ich nicht. Ich nahm Keyboard- und Synthesizer-Parts von Genesis-Songs und ersetzte sie durch ein Streicherquartett und ein klassisches Piano, sodass es nicht wie ein Orchester mit Gesang klang. Das wollte ich nicht. Die Idee war, es etwas anders zu machen. Alle anderen nehmen einfach ein Orchester.

Ist es schwierig, mit einem Orchester zu spielen?

Ich würde nicht sagen, dass es schwierig ist. Es gibt viele hervorragende Orchester und die Musiker sind normalerweise sehr talentiert. Es ist eine besondere Erfahrung. Die Songs werden durch das Orchester verändert. Aber ich wollte den »Rockband-Filter« beibehalten und etwas anderes machen. Und das funktioniert sehr gut und kommt auch sehr gut an.

Spielst Du ausschließlich Genesis-Songs?

Nein. Ich spiele verschiedene Songs. Die meisten Songs sind natürlich aus meiner Zeit bei Genesis. Aber es gibt auch Songs aus Phil Collins, Mike Rutherfords oder Peter Gabriels Solokarriere. Es ist mehr wie die »Welt von Genesis«. Ich wollte die gesamte Karriere und den Erfolg von Genesis und den beteiligten Musikerin beleuchten. Das ist mein Weg.

Haben Sie Dir erlaubt, die Songs zu spielen?

Das ist nicht die Frage – sie können mich nicht stoppen.

Und mögen sie es?

Das weiß ich nicht. Sie haben sich immer zu allererst als Songwriter gesehen. Als sie angefangen haben, dachte niemand daran, Rockstar zu werden. Sie waren Songschreiber und wollten Songs für andere Musiker schreiben. Dann wurden sie als Band erfolgreich. Ich kann mich aus meiner Zeit bei Genesis daran erinnern, dass sie etwas frustriert waren, dass niemand ihre Songs gecovert hat. Und ich glaube, dass überhaupt niemand eine Coverversion eines Genesis-Songs gemacht hat. Wenn ich mich richtig erinnere, wurden »Land of Confusion« und vielleicht ein oder zwei weitere Songs von einer Popband gecovert. Aber zu meiner Zeit hat das niemand gemacht. Und das hat sie sehr frustriert – sie haben mehr als 100 Millionen Platten verkauft und niemand hat ihre Songs gecovert. Ich hatte immer einen Draht zu Genesis, ich habe mit ihnen gesungen, Songs geschrieben – und ich bin, glaube ich, der einzige, der das ganze am Leben erhält. Peter Gabriel spielt keine Genesis-Songs, Mike Rutherford macht »Mike and the Mechanics«, Steve Hackett macht ein bisschen was aus seiner Zeit bei Genesis in den 70-er Jahren. Aber ich bin der einzige, der etwas mit Genesis zu tun hatte, der jetzt deren Songs spielt. Es gibt großartige Songs und ich liebe viele davon. Unser Projekt ist sehr beliebt.

Wie ist Deine Beziehung zu den Mitgliedern von Genesis?

Im Prinzip habe ich keine Beziehung zu den Mitgliedern von Genesis. Zuletzt habe ich sie vor drei Jahren in Hannover bei der »Turn it on«-Tour gesehen. Das hat mich natürlich gefreut – es freut mich immer, sie zu treffen. Wir haben sehr gut zusammengearbeitet und leben jetzt verschiedene Leben. Sie leben in ihren Villen in Südengland, Phil lebt in Genf, und ich lebe jetzt in Polen – vorher habe ich in Schottland gelebt. Ich reise die ganze Zeit. Es gibt einfach keinen Grund, zum Beispiel mit Mike Rutherford ein Bier zu trinken. Mit meinem Vater ist es dasselbe.

Du lebst jetzt also in Polen?

Ja. Ich wohne in Posen. Wegen meiner Freundin, die ich vor einigen Jahren getroffen habe. Ich war auf einer Tour in Polen und meine Freundin war eine Tänzerin. Ich habe mich in sie verliebt. Zu dieser Zeit befand ich mich gerade in einer Scheidungsphase – und ich habe meiner ehemaligen Frau alles gegeben – mein Haus, mein Auto – alles in Liebe. Aber ich bin immer noch sehr gut mit meiner Exfrau befreundet.

Ist es schön, in Polen zu leben?

Ja. Ich bin ein großer Fan von Osteuropa. Mir scheint, die Menschen haben dort sehr viel Charakter. Etwas, was die Menschen bei uns im Westen verloren haben. Sie haben immer noch eine »Seele«. Wir haben diese Seele scheinbar verloren und alles »sterilisiert«. Offenbar geht es uns zu gut, die Wirtschaft in den meisten europäischen Ländern läuft sehr gut. Und so haben wir den Familiensinn und den Kontakt zu anderen verloren – selbst wenn wir dank der modernen Technik beispielsweise per E-Mail mit anderen Menschen reden können. Ich kommuniziere mit Menschen, die ich noch nie in meinem Leben getroffen habe. Aber das sind nur »E-Mail-Menschen«. Der Familiensinn ist verlorengegangen. Und das schöne in den osteuropäischen Ländern ist, dass er dort nach wie vor besteht. Es gibt dort eine gewisse Wärme. Das müssen wir in den westlichen Gesellschaften zurückbekommen.

Können wir das zurückbekommen?

Ich glaube schon. Wenn die Zeiten härter werden, rücken wir näher zusammen. Ich glaube schon, dass die Menschen das immer noch wollen, aber nicht wissen, wie sie es anstellen sollen. In den 70-er Jahren, als ich ein kleiner Junge war, hatten wir in Schottland diesen Familiensinn. Aber zu dieser Zeit hatten wir auch kein Geld. Als die Zeiten hart waren, sind die Menschen zusammengerückt. Das scheint in unserer Gesellschaft verloren gegangen zu sein. Aber ich mag es – und in Osteuropa existiert das noch.

Glaubst Du, die Musik kann die Menschen zusammenbringen?

Ich glaube, Musik bringt die Menschen zusammen. Schau Dir zum Beispiel Deutschland an. Die Deutschen hören viel Livemusik und haben wunderbare Clubs. Es gibt hier viele passionierte Promoter, die wie Rockstars leben und Rockclubs haben. Das ist in dieser Beziehung eine gute Kultur in Deutschland. Das haben wir in England und in Schottland scheinbar nicht. Bei meinen Auftritten sehe ich immer wieder bekannte Gesichter, besonders bei den Akustikshows, weil diese kleiner sind. Ich spreche nach dem Auftritt mit den Leuten und trinke ein Bier mit ihnen. Das ist ein schöner »Spirit«. Ich glaube, das macht diese Auftritte so beliebt – weil sie Menschen in den kleinen Clubs zusammenbringen. Es gibt also Hoffnung.

Du magst es also, in Clubs zu spielen?

Ja – ich habe immer in Clubs gespielt. Es ist eine besondere Erfahrung, mit einer Akustikshow vor 100 oder 120 Leuten zu spielen – völlig anders, als mit »Genesis Klassik« vor 5.000 oder 6.000 Menschen aufzutreten. Du trittst einfach anders auf. Ich mag es, das Weiße in den Augen der Zuschauer zu sehen und sehen zu können, wenn sie lachen oder weinen. Die Emotionen gefallen mir. In den vergangenen zehn Jahren habe ich versucht, das so oft wie möglich zu tun. Meist bin ich ein halbes Jahr am Stück auf Tour. Und das Jahr für Jahr. Und die schönsten Erfahrungen mache ich in kleinen Clubs. Das ist genau das, was ich vorhin mit dem Familiensinn meinte. Das bringt Menschen zusammen. Eine gute Sache.

Kennst Du Gütersloh?

Leider nicht. Aber ich werde es kennenlernen. Ich glaube, ich bin seit vielen Jahren mehr in Deutschland unterwegs, als die meisten Deutschen. Aber ich war noch nicht in Gütersloh. Ich kenne Buxtehude, Melle, Bünde.

Gefällt Dir der Charity-Charakter des Konzerts in Gütersloh?

Es ist immer gut, diese Dinge zu tun. Ich habe selbst eine Stiftung in Polen und habe oft mit solchen Dingen zu tun. Meine erste Veröffentlichung überhaupt kam krebskranken Kindern in Schottland zugute. Mit meinem Bruder Steve habe ich vor mehr als 20 Jahren einen Song gemacht. Ich halte es für sehr wichtig, die Wohltätigkeit hervorzuheben und darauf aufmerksam zu machen. Gestern hat mir ein Freund einen Facebook-Link zu einem CNN-Report über Indien geschickt. Darin ging es um einen bekannten Koch, ich glaube in Mumbai, der in der Stadt herumging und jemanden gesehen hat, der vor lauter Hunger seine eigenen Exkremente gegessen hat. Daraufhin hat er seinen Hoteljob aufgegeben und kocht jetzt auf der Straße für diese armen Menschen. Das ist jetzt sein Leben.

Wie viele Tage im Jahr bist Du auf Tour?

Das ist unterschiedlich. 140 Tage oder so? Ich vermute, alles in allem ist es ein halbes oder ein dreiviertel Jahr. Im Prinzip habe ich gar kein anderes Leben als das Tourleben. Und wenn ich nicht auf Tour bin, nehme ich neue Songs auf. In diesem Jahr kommt ein neues Album heraus. Ich habe noch keine Familie und keine Kinder. Mein Leben ist die Musik.

Wird das ein Soloalbum?

Nein – das Album habe ich zusammen mit meiner Band aufgenommen. Wir haben Songs geschrieben, die meisten Aufnahmen haben wir schon im Januar gemacht, in der Nähe von Mannheim. Es gibt viele Projekte. Demnächst werden wir mit »Genesis Klassik« zum ersten Mal auch in Moskau auftreten. Es passiert viel. Ich glaube, da ist auch unser ganzes Geld geblieben.

Sind die Menschen im Osten begeistert von Dir?

Ich glaube schon. Als wir 1998 mit Genesis in Budapest, Prag und Katowicz aufgetreten sind und danach nach Deutschland kamen hätte ich das bejaht. Damals sind noch nicht so viele Bands in osteuropäischen Ländern aufgetreten. Heute ist es dort genauso wie hier. Es verändert sich einiges. Aber ich hatte immer viele Zuschauer in Osteuropa, vielleicht auch, weil viele meiner Songs sehr melancholisch sind, was zur Atmosphäre passt. Aber um fair zu bleiben: Deutschland war während meiner ganzen Karriere das erfolgreichste Land für mich. Auch mit Genesis. Es ist ein großes Land mit einem großen Markt, die Menschen mögen die Musik und ich kenne das Land sehr gut.

Was ist im Rückblick der größte Unterschied zwischen einer Tour mit Genesis und einer Solotour?

Geld. Bei Genesis wurde alles bezahlt und sich um alles gekümmert. Ich musste nur auf meine Stimme achten. Jetzt habe ich mein eigenes Geschäft, meine eigenen Firmen, mein eigenes Plattenlabel und ich werde überall mit einbezogen. Aber es macht Spaß, mit so vielen verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten. Wir sind eine internationale Band – das ist eine völlig andere Erfahrung. Bei Genesis war es, wie in einer Maschine zu sein. Ich hatte immer Angst um meine Stimme. Wir mussten einmal ein Konzert in Bielefeld ausfallen lassen, was die Band viel Geld gekostet hat – und es war meine Schuld. Das ist ein ganz schöner Druck.

Trainierst Du deine Stimme?

Die Stimme hat viel mit Muskeln hzu tun. Das Wichtigste ist es, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Man darf auch nicht zuviel Alkohol trinken – das ist mein Fehler – [lacht] – Wodka, Jägermeister, Jäger-Wilson?

Was sind Dir die liebsten Städte in Deutschland?

Flensburg und Gütersloh. Aber im Ernst: Ostberlin war mir immer am liebsten. Als ich das erste Mal dort war, hatte ich das Gefühl, dort schon gewohnt zu haben. Meine zweit liebste Stadt ist Hamburg. Hier gibt es einen guten »Spirit«, ich mag das sehr. Ostberlin ist ein wenig »fucked up« – ich mag das sehr. Sehr künstlerisch. Als wir das letzte Stiltskin-Album gemacht haben, waren wir auch in Stuttgart – das fand ich ehrlich gesagt ziemlich langweilig. Mercedes Benz und Porsche passen gar nicht dazu. Jeder Platz hat seinen eigenen Charme.

Welches Auto fährst Du?

Ich fahre seit 18 Monaten gar kein Auto mehr. Ich hatte drei oder vier Sportwagen, aber jetzt habe ich einen Fahrer. Und in Deutschland benutze ich oft meine BahnCard. Ich will gar nicht mehr Auto fahren.

Kannst Du auf die Straße gehen, ohne von Fans erkannt zu werden?

In den vergangenen Jahren immer weniger. Es ist natürlich nicht so, wie beispielsweise bei Phil Collins. Ich glaube, ich trete seit 17 Jahren in Deutschland auf und hatte Erfolg mit Stiltskin und Genesis. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Konzerte wir gegeben haben. Es müssen mindestens 1.000 gewesen sein. Wir waren mit Marius Müller-Westernhagen und den Scorpions unterwegs – ich habe vor vielen Menschen live gespielt. Deshalb werden mich auch einige erkennen.

Welche Songs wirst Du in Gütersloh spielen?

Das Genesis-Klassik-Programm dauert rund zwei Stunden. Wir werden alte Genesis-Stücke spielen – aus der Zeit von Peter Gabriel, Phil Collins, Mike Rutherford – und natürlich die bekannten und erfolgreichen Hits. Es hat sechs oder acht Monate gedauert, das auf die Beine zu stellen. Neue Songs werden wir nicht spielen. Es ist auch nicht so einfach, Streicherparts für die neuen Songs zu schreiben. Auf der Bühne werden zehn Leute stehen. In den nächsten Jahren werden vielleicht noch Bläser hinzukommen und wir werden neue Ideen umsetzen. Die Songs bekommen ihren eigenen Charakter, was sehr gut funktioniert.

Kannst Du uns etwas zu Deiner Gitarre sagen?

Ja – sie war kaputt. Ich habe viele neue Gitarren, die ich sogar umsonst bekomme. Aber ich benutze sie nicht. Die Gitarre wird im Laufe der Zeit zu einem Teil des Körpers. Das Holz reagiert auf alles. Meine Gitarre hat ein Mann namens Fanta in Buenos Aires repariert. Wir haben ihn getroffen, nachdem die Gitarre während einer Südamerikatour kaputt war. Ich habe die teuerste Gitarre in Buones Aires gekauft, eine Takamine. Aber sie gefiel mir nicht – und Fanta hat dann meine Gitarre bis zur ersten Show wieder hinbekommen. Derzeit klingt sie sehr gut. Sie ist jetzt zwölf oder 13 Jahre alt. Ich glaube, sie wird mich den Rest meines Lebens begleiten. Es sei denn, sie wird mir gestohlen.

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